Die westliche Autoindustrie steht nach Einschätzung von Experten vor einer strategischen Weichenstellung, die an die Krise der 1980er-Jahre erinnert. Damals verloren die großen US-Hersteller wie Ford, General Motors und Chrysler Marktanteile an japanische Konkurrenten, die mit günstigen und sparsamen Modellen auf steigende Ölpreise reagierten. Die Folge waren massive Absatzverluste und hunderttausende verlorene Arbeitsplätze in den USA.
Heute droht eine ähnliche Entwicklung, diesmal ausgelöst durch den Rückzug westlicher Hersteller aus der Elektromobilität. Während sie ihre Investitionen in Elektrofahrzeuge (EVs) drosseln und wieder stärker auf Verbrennungsmotoren setzen, gewinnen chinesische Anbieter zunehmend an Bedeutung. Marken wie BYD und Leapmotor verkaufen preiswerte und technisch ausgereifte Elektroautos, die in Europa immer mehr Käufer finden. BYD hat im letzten Jahr Tesla als weltweit größten Anbieter von reinen Stromern überholt.
Besonders deutlich zeigt sich der Rückschritt in den USA. Dort hat Präsident Donald Trump zentrale Maßnahmen zur Förderung der Elektromobilität zurückgenommen, darunter Steuervergünstigungen und Emissionsvorschriften. Dies hat die Entwicklung zusätzlich gebremst und die Wettbewerbsfähigkeit geschwächt.
Der frühere Aston-Martin-Chef Andy Palmer warnt eindringlich vor den Konsequenzen dieser Entwicklung. „Die schlechteste mögliche Reaktion der Europäer ist es, zu zögern, Investitionen zu verlangsamen und zu hoffen, dass sich der Markt irgendwie zu ihren Gunsten zurücksetzt. Das wird er nicht“, sagt er im Gespräch mit The Guardian. Chinesische Hersteller hätten frühzeitig Kompetenzen in Batterietechnologie und Software aufgebaut und skalierten ihre Produktion schnell.
Der Krieg im Iran verstärkt laut Experten die Problematik zusätzlich. Steigende Ölpreise führen bereits zu wachsendem Interesse an Elektroautos, wie ein deutlicher Anstieg der Online-Nachfragen zeigt. Dies unterstreicht die Risiken eines Strategiewechsels zurück zu fossilen Antrieben.
Gleichzeitig kämpfen westliche Hersteller mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die Gewinne aus Elektroautos bleiben hinter denen von Benzin- und Dieselfahrzeugen zurück, weshalb viele Unternehmen ihre Erwartungen deutlich nach unten korrigiert haben. Laut Julia Poliscanova von der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) ist dies kurzfristig nachvollziehbar, langfristig jedoch riskant. „Das ist wahrscheinlich eine valide Geschäftsentscheidung, wenn die Amtszeit als CEO in zwei Jahren endet. Das ist eine dumme Sichtweise, wenn man 2035 noch im Automarkt sein will.“
Die Hersteller begründen ihren Kurs mit schwacher Nachfrage, hohen Kosten und unzureichender Ladeinfrastruktur. Tatsächlich entfiel im vergangenen Jahr nur etwa jedes fünfte neu verkaufte Auto in Europa auf ein Elektrofahrzeug. Dennoch bleibe die Frage offen, wie die Branche ihre Emissionen ohne einen stärkeren Fokus auf Elektromobilität senken will, unterstreicht der frühere Stellantis-Chef Carlos Tavares.
Hinzu kommt politische Unsicherheit. Die EU hat das ursprünglich geplante faktische Verbot der Neuzulassungen von klassischen Verbrennern ab 2035 abgeschwächt und erlaubt weiterhin Fahrzeuge mit reduzierten Emissionen. Dies sende widersprüchliche Signale und zwinge Hersteller dazu, parallel in verschiedene Antriebstechnologien zu investieren, was hohe Kosten verursacht, erklärt Ex-Stellantis-Europa-Chef Uwe Hochgeschurtz.

Future meint
Bemerkenswert ist, dass die Experten in dem Guardian-Bericht dieses Mal nicht die Berater von EY, Berger oder BCG sind. Da liest man ein solch düsteres Szenario ja regelmäßig in den Studien. Die Experten kommen dieses Mal alle aus der Verbrennerindustrie und man kann davon ausgehen, dass sie da einen gewissen Einblick haben, was auf die Althersteller jetzt zukommen könnte. Natürlich haben viele die thematisierten historischen Krisen der Automobilindustrie längst vergessen. Ich glaube allerdings nicht, dass der Bericht aus England in Deutschland eine große Beachtung finden wird. Hinterher wird man ihn dann vielleicht zitieren, falls es so kommen sollte, wie es die Experten befürchten.
A-P meint
@Ben:
Das Argument mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis bei der Ausstattung ist absolut berechtigt, aber Ausstattung ist eben nicht alles. Man darf nicht vergessen, dass die Ansprüche an die Fahrdynamik in Europa oft grundverschieden zu denen auf dem chinesischen Markt sind.
Für viele Kunden – mich eingeschlossen – zählt das unmittelbare Fahrgefühl mehr als die Anzahl der Bildschirme oder Massagesitze. Es geht um die Feinabstimmung:
Präzision statt Wattierung: Ich möchte keine teigige oder gefühllose Lenkung, die keinerlei Rückmeldung von der Straße gibt.
Fahrwerk mit Rückgrat: Eine Federung muss auf europäischen Landstraßen und Autobahnen funktionieren. Zu weich abgestimmte Fahrwerke neigen bei höheren Geschwindigkeiten zum Nachschwingen oder wirken bei Querfugen hölzern.
Aktive Sicherheit: Ein zu aggressiv eingreifendes ESP oder Assistenzsysteme, die bevormunden statt zu unterstützen, trüben den Fahrspaß massiv.
Während der Fahrt merkt man sofort, ob die Bremse linear dosierbar ist oder ob das Kurvenverhalten berechenbar bleibt. Dass chinesische Hersteller bei der Software und Vollausstattung oft die Nase vorn haben, bestreite ich gar nicht – aber das ‚Popometer‘ entscheidet eben beim Fahren, nicht im Stand. Am Ende zahlt man beim BMW eben auch für die Ingenieurskunst im Fahrwerk, die man bei jedem Lenkbefehl spürt.
Ben meint
Geb ich dir in allen Punkten Recht und darum hab ich ja den XPeng G6 als Beispiel genannt und kein Leapmotor oder BYD.
derJim meint
Exakt. Auch da gibt bereits gute Alternativen von chinesischen OEMs.
MK meint
@A-P:
Die andere Seite ist: Müssen wir als Mitteleuropäer uns vielleicht damit abfinden, dass unsere Anforderungen an ein Auto vielleicht nur eine Randnotiz auf dem Weltmarkt sind und den Standard andere, sehr viel bevölkerungsreichere Weltregionen stezen.
M. meint
Das kann durchaus so sein, ist aber kein Argument für jemanden, der nicht diese Durchschnittsanforderungen von sonstwoaufderWelt hat.
Skodafahrer meint
Derzeit werden vor allem Investitionen im Luxusbereich gestrichen, bei Marken wie Lamborghini oder Bentley.
Im Volumen und Premiumbereich passiert weniger.
Gerade im Premiumbereich steigen die Reichweiten und die Ladeleistungen.
Ein Beispiel ist der BMW I3 „neue Klasse“ mit bis zu 900 km WLTP Reichweite.
David meint
Es handelt sich nicht primär um eine feindliche, politische Landschaft. Sondern um eine Elektroauto-feindliche Gesellschaft. Das muss die Politik zur Kenntnis nehmen und daher die ambitionierten Ziele zumindest formell zurückschrauben. Man darf nicht vergessen, dass auch jetzt gerade aktuell mit Spritpreis 2,30 € immer noch 75 % Verbrenner ausgeliefert werden.
Dass Leute weder schlau noch geistig beweglich sind, muss man aushalten können. Das Elektroauto spricht für sich. Ich bin am Wochenende ausgiebig den neuen iX3 auf Langstrecke gefahren. Der ist eine absolute Macht. Deutlich über 400 km Reichweite, wenn man links immer so schnell fährt, wie es gerade geht. Zwischendurch, wir hatten eine M Sport Version, haben wir mal das „M Drag Meter“ laufen lassen. 100-200 in 10,8s.
Mit solchen Fahrzeugen braucht die Elektromobilität keine politische Fürsprache mehr.
ap500 meint
@David so wie der iX3 fährt mein Auto seit über 10 Jahren heute noch und hat 24000€ neu gekostet. Was kostet der iX3 ?
Wäre es denkbar das der Kaufpreis extrem hoch ist und man so niemals günstiger kommt? Ist nur so ein Gedanke.
Oder meinst du wirklich das die Leute ein Eauto mit 100er Akku nicht bedienen können?
A-P meint
Stimmt. Noch wird ein Verbrenner-Kleinwagen gefahren (wie alle 10 Jahre), aber 2027 wird es endlich Zeit: Entweder für den ID.2all (oft als ‚ID.Polo‘ bezeichnet), den ID.3 oder den Škoda Epiq.
Es wird sich zeigen, wie sich der Markt entwickelt, sobald E-Autos – einschließlich der Kleinwagen – preislich unter dem Niveau vergleichbarer Verbrenner liegen. Es bleibt zu hoffen, dass die Politik den Ausbau der erneuerbaren Energien konsequent priorisiert und nicht einseitig auf fossile Brückentechnologien setzt, da dies die Strompreise unnötig belasten könnte.
ap500 meint
@A-P so sieht es bei mir auch aus nur fahre ich die Autos 20 Jahre vom Neuwagen bis zum Schrottplatz. Ich rechne erst ab 2030 mit Volumenmodellen (80er-100er Akku im Kompakten BEZAHLBAR für Private).
Ben meint
Solche nutzlosen Autos braucht halt keiner wenn man für die Hälfte eine VW aus China mit Vollausstattung bekommt, nennt sich XPeng G6 warum sollte man sich da nen überteuerten BMW kaufen der schon als nackter Hirsch teurer ist als der G6 AWD ?
M. meint
Die Antwort bekommst du bei der nächsten Schichteinteilung, da steht bei dir: frei.
Und dann geht das Gejammer wieder los.
Thorsten 0711 meint
M.
Volle Zustimmung! Ben kann sich dann in Zhaoqing, Guangzhou oder Wuhan um eine neue Arbeit bewerben. Dann gibt’s halt keine exorbitanten VW-Gehälter bei einer 35-Stunden-Woche mehr.
Oder Ben und Kollegen arbeiten in Zukunft für Chinalöhne, dann klappt es auch wieder mit günstigen Fahrzeugen aus dem Hause Volkswagen.
Ben meint
Ich weis zwar nicht wo ihr eure Infos her habt aber wir in Mosel arbeiten 40h/Woche und seit Anfang März bis Anfang Mai jede Frühschicht Samstag als Sonderschicht, damit wir die alten Autos noch wegbekommen bevor in KW 20 die Faceliftmodelle einrüstet werden und warum ich nichtmehr bei VW arbeiten soll weil ich gegen überteuerte BMWs schieße und unseren Partner XPeng hervorhebe erschließt sich mir nicht. Aber hey ecokommi Logik 🤣
M. meint
Naja, ist doch klar: wenn alle VW-Mitarbeiter und alle anderen Menschen so denken wie du, dann brauchst du für das Facelift nichts mehr einzurüsten, weil ja überall nur noch Chinaware gekauft wird. Und dann hast du frei. Sehr lange.
Was ist daran denn so schwierig zu verstehen?
Da kannst du doch direkt glücklich über Menschen sein, die anders denken als du – die retten deinen überbezahlten Arbeitsplatz.
Kast meint
Keine Sorge, Ben ist ein Beispiel von vielen. Ich habe damals in der Firma gelernt hinter dem Produkt/den Produkten das Entwickelt/die Entwickelt und Produziert wird/werden zu stehen indem ich diese auch kaufe.
Der Grund für VWs Untergang sind genau die Mitarbeiter die Elektroautos entwickeln und keine fahren. Verdienen mindestens 4000-5000€ Netto aber über 10 Jahre alte Diesel BMW mit 3.0 l R6 und AGR Off machts super bei 5-6 l/100 km. Der Golf 6 Benziner ist such super. Viele Toyotas, Kias usw. aufm Werksgelände. Aber E haben die wenigsten die E Entwickeln.
David meint
Die Antwort wird dir die Zulassungsstatistik geben. Der XPeng steht nicht in Verdacht, den Händlern aus der Hand gerissen zu werden.
ap500 meint
Ich würde meinen das „Rückzug“ etwas anderes ist als das im Forum seit Jahren angenommen exponentielle Wachstum ist.
Warum wohl werden so wenige Eautos gekauft?