Der frühere Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess sieht die deutschen Autohersteller in Sachen Elektromobilität nach einer schwachen Anfangsphase auf einem guten Weg. Die Unternehmen hätten mit den neuen Modellen besonders gegenüber der chinesischen Konkurrenz aufgeholt.
„Die letzte Generation deutscher Elektroautos ist sehr gut geworden. VW hat bei Elektrofahrzeugen keinen niedrigeren Marktanteil als bei Verbrennern, eher höher – etwa 30 Prozent. Es ist noch nichts verloren“, so Diess in einem Podcast von Auto Motor und Sport.
Um gegen Chinas Konkurrenz zu bestehen, müsse die deutsche Autoindustrie wie schon beim Verbrenner „Top-Cluster“ bilden. „Deutschland hatte bei Premiumautos fast ein Weltmonopol: Porsche, Audi, BMW, Mercedes. Das war ein Ökosystem: intensiver Wettbewerb auf engem Raum, starke Zulieferindustrie, Erprobung auf der deutschen Autobahn.“ Diese erfolgreiche Strategie müsse die Industrie auch für das Elektroauto aufbauen.
„In der neuen Welt braucht es wieder ein Ökosystem“
„In der neuen Welt braucht es wieder ein Ökosystem: die besten Batteriehersteller hier, die schnellste Ladeinfrastruktur, hohe Absatzzahlen mit elektrischen Autos, eine gewisse steuerliche Förderung“, meint Diess. Zudem müssten die deutschen Hersteller in China wettbewerbsfähig bleiben. „Wer da raus ist, wird es langfristig schwer haben. Die Skalen sind in China.“
Besonders kritisch sieht der Branchenveteran die hohen Strompreise in Deutschland als Folge hoher Netzentgelte. „Die Energiepolitik hilft uns derzeit nicht. Wir werden eine Verteuerung der Netzentgelte sehen durch den immensen Netzausbau. Wir werden höhere Energiepreise sehen durch mehr Gas. Das führt in die falsche Richtung.“
Die Politik wirke so, als wolle sie bestehende Energieerzeuger und Verteilnetzbetreiber schadlos halten. Es werde zu wenig getan, Energiepreise wirklich zu senken. Es gebe viel zu viele Netzbetreiber hierzulande. Diess: „In Deutschland liegen wir etwa bei zehn Cent Netzkosten pro Kilowattstunde. In Frankreich sind es vier Cent. Der Unterschied: Wir haben 880 Netzbetreiber in Deutschland. Jeder hat einen Vorstand, jeder ist Monopolist, der Kunde kommt nicht raus. Sie sind reguliert, aber im Prinzip bekommen sie Investitionen über Gebühren vergütet. Das macht das Netz ineffizient.“
Frankreich habe nur einen Netzbetreiber, der das Netz zu 40 Prozent der Kosten betreibe. Doch das Thema werde in Deutschland nicht angegangen. „Es müsste konsolidiert und besser reguliert werden. Sonst gibt es eine Explosion der Netzkosten“, warnt Diess. „Denn der Strompreis an der Börse liegt zeitweise bei 2,4 Cent – und trotzdem zahlen Verbraucher 35 Cent. Der Unterschied sind die Netzgebühren.“

MK meint
Spannende Randnotiz zum Thema Strompreisvergleich Deutschland/Frankreich: Die französische Firma Sanofi produziert sein Insulin in einem alten Werk in Frankfurt am Main, dass durch ein neues Werk ersetzt werden muss. Die Entscheidung für einen Standort in Frankreich war längst gefallen. Vor rund 2,5 Jahren dann plötzlich die Kehrtwende: Steigende Atomstrompreise und sinkende Versorgungssicherheit in Frankreich gegenüber vielversprechenden Maßnahmen der Ampelregierung haben Sanofi dann umschwenken lassen und die Milliardeninvestition wird nun doch in Frankfurt getätigt. Wie gut, dass man beim bau jetzt schon so weit ist, dass es kein zurück mehr gibt…ich weiß nicht, ob Sanofi die Entscheidung mit Fr. Reiche als Wirtschaftsministerin nicht mittlerweile bereut…
M. meint
Wenn Merz so weitermacht, bleiben die beiden nicht länger als die von der Ampel.
So lange wird Sanofi durchhalten. Die produzieren ja noch gar nicht, oder?
Vielleicht sind sie auch weitsichtig genug, sich selbst etwas EE zu bauen.
MK meint
@M.:
Die produzieren noch in der alten Fabrik. In der Pharmabranche vergehen schnell alleine 2 bis 3 Jahre zwischen vollständiger Fertigstellung der Fabrik und tatsächlicher Serienproduktion, weil erst jeder einzelne Ablauf detailliert beschrieben und in die Routine der Mitarbeiter übergehen muss, dann von jeder Medizinbehörde weltweit auditiert werden muss…grade die US-Behörde FDA ist ein Riesenthema, weshalb die Medikamente dort so viel teurer sind…und erst dann kann man anfangen erste Produkte herzustellen, die auch an Kunden gehen.
Was das „selbst erneuerbare Energien aufbauen“ angeht, ist Sanofi halt letztlich Mieter im Industriepark Höchst, der sich da um alles kümmert. Was die machen, kann ich Ihnen grade nicht genau sagen. Was ich aber sagen kann, ist, dass z.B. in meiner Heimatstadt Marburg der Betreiber des dortigen Pharma-Industrieparks der größte Geothermie-Betreiber Deutschlands ist, gigantische Speicher betreibt um bei der Klimatisierung im Sommer entstehende Abwärme zum Heizen im Winter zu speichern, letztes Jahr 4 MWp neue Solaranlage in Betrieb genommen hat (u.a. auf einem Parkhaus mit 60 Mitarbeiter-Ladestationen und Vorrüstung für über 800 weitere), vor 4 Wochen eine Anlage, um Dampf mit Strom zu erzeugen und die Hitze auch zu speichern, so dass nur Überschussstrom dafür verwendet wird und laut eigener Aussage mittlerweile die Baugenehmigung für einen eigenen großen Windpark eingereicht hat.
Werner Mauss meint
Dieses muss es ja wissen wie es um VW steht, wenn er von der „letzten Generation E Autos“ spricht….
Paule meint
Herbert hat gelernt. Damals hat er sich mit Elon getroffen, stolz den ID3 vorgeführt. Elon hat natürlich geflunkert. Wäre er ehrlich gewesen, hätter er Herbert die Wahrheit gesagt, und das Auto wäre nie in Produktion gegangen. Satt dessen hat er zur Rechtfertigung auf die Kritik, das das Auto schlichtweg lahm ist, sich mit „eben ein Auto für den Mainstream“ verteidigt. Elon hat es so stehen und VW ins offene Messer laufen lassen. Er wusste längst, was tatsächlich ein „Mainstream-Auto“ ist.
Nun haut Herbert selbst solche Sachen raus. Klar, nun ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Technologieunternehmens Infineon Technologies, einem der wichtigsten Partner von Tesla. Zudem hat VW zuletzt wichtige Aufträge an US-Konkurrenten wie Onsemi vergeben.
Die Wahrheit meint
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Anonym meint
Ja der Strom ist in Frankreich günstiger, doch dieser ist auch vom Staat super stark subventioniert. Trotzdem zahlen die Kunden weniger und das ist attraktiv. Deswegen Industriestrompreis jetzt.
Arbeite selbst bei einem Netzbetreiber (der große in Niedersachsen mit drei Buchstaben) und es ist in den Meistereien fast ein Beamtentum vorhanden. 3 Zählerwechsel am Tag sind ein produktiver Tag. BILD lesen, Käffchen trinken und Eier schaukeln füllen den Arbeitstag.
Gerade die großen Netzbetreiber haben massiv viel Geld. Günstigerer Strom wäre möglich wenn man will.
Für die Umstellung auf E-Autos wird der Netzausbau allerdings benötigt. Wichtig ist bei steigenden Netzentgelten zugleich die Stromerzeugungskosten zu senken als Kompensation. Der Netzausbau würde nicht den Strom verteuern wenn der Staat diesen bezahlen würde ,was der Staat tun müsste.
12 Netzbetreiber (Saarland, Hamburg, Bremen und Berlin werden eingegliedert) und ein bis drei Übertragungsnetzbetreiber würden auch ausreichen.
MK meint
@Anonym:
Aus meiner Sicht muss der Staat den Netzausbau nicht finanzieren, sondern nur die Hürden senken: Dass hunderte Kilometer lange Starkstromleitungen, die früher immer überirdisch gebaut worden sind nun vollständig für ein vielfaches der Kosten unterirdisch verlegt werden, nur weil ein paar Politiker Angst haben, durch Hochspannungsmasten 3 Wählerstimmen zu verlieren, kann nicht sein.
Würde man die Mehrkosten rausnehmen, bliebe eine ganz normale privatwirtschaftliche Investition: Ein Netzbetreiber investiert in die Erweiterung seines Netzes um damit mehr Umsatz generieren zu können genauso wie Industriebetriebe in neue Fabriken investieren: Dass sich das erst über Jahrzehnte rentiert, ist da auch nicht anders.
Dazu ist sicher Verstaatlichung bzw. Rekommunalisierung das Gebot der Stunde: Der Vorteil Frankreichs besteht ja darin, dass der eine Netzbetreiber vollständig dem Staat gehört: es gibt keine Aktionäre oder andere externe Beteiligten, die in den Kauf der Unternehmen investiert hätten und dieses letztlich so angelegte Kapital natürlich über Gewinnausschüttungen „verzinst“ bekommen wollen. Das ist in Deutschland anders, wo teils ausländische staatliche Betreiber Anteile halten und das natürlich nicht tun, weil sie Deutschland unbedingt was gutes tun wollen, sondern weil sie damit Geld für ihren eigenen Netzausbau abgreifen können.
David meint
Diess fährt privat übrigens aktuell ID.3. Auch das hat er in diesem Podcast erzählt. Man kann es nur empfehlen, sich den anzuhören. Der Diess bist ein guter Mann und immer noch Topmanager, er kann Themen in kurzen Worten auf den Punkt bringen und ordnet die Verhältnisse in Deutschland sehr unaufgeregt ein.
Haubentaucher meint
Wegen seiner unaufgeregten und direkten Art wurde er vom Hof gejagt. Unbequeme Wahrheiten will Deutschland nicht hören.
Ben meint
Leider hat VW den Kardinalsfehler begangen und hat Diess rausgeekelt und einen verbrennerliebenden Porschefan mit FDP Lobbieisten an der Hand geholt, und somit startete wieder der Niedergang von VW den Müller schon gestartet hatte.
Htr meint
Habe mal eine Probefaht im September angemeldet. Wahrscheinlich ist mir der Akku für den Urlaub zu klein obwohl der Kofferraum (Raum für die ReiseKOFFER) sehr groß ist. Die Probefahrt wäre exakt 24 Jahre nach der Neuwagenabholung von unserem Ibiza tdi. Ganz sicher fahren wir mit diesem zur Probefahrt. Wahrscheinlich wird es später dann doch der Polo auf SSP Basis mit größerem Akku in 2030+. Bis dahin fährt der Ibiza weiter Kreise um die bisherigen langsamen (Fahrzeit für 500km von A nach B) Eautos.
hu.ms meint
Unser alter freund schreibt schon wieder unter neuem nick-name.
Klar zu erkennen am 24 jahre TDI.
Geld für ein BEV hat er ja ohnehin nicht. Bedauernswerter mitmensch….
hu.ms meint
Hätte nicht gedacht, dass Herbert Diess ein mathe-problem hat:
Erst: netzkosten 10ct – dann unten: unterschied zwischen 2,4 und 35ct sind netzkosten.
Besser-BEV-Wisser meint
Google hilft: „Strompreiszusammensetzung“
David meint
Ich dagegen war ziemlich sicher, dass du auch in diesem Text ein Zusammenfassungsproblem hast. Denn lesen und verstehen war dir schon öfter nicht gegeben.
hu.ms meint
Na David, kannst du nicht lesen ?
Ich habe nur zitiert !
MK meint
@hu.ms:
Nein, Sie haben nicht zitiert. Im Text steht, dass der Strompreis an der Strombörse (also Einkaufspreis für den Stromanbieter) „zeitweise“ nur 2,4 ct betrage, die Endkunden 35 ct für die kWh bezahlen würden. Ein Teil von den 35 ct sind dann die Netzkosten (neben Stromeinkauf, eigener Verwaltung, Mehrwertsteuer, Energiesteuer usw.).
BEV meint
schlecht sind die Autos nicht, aber im Vergleich einfach zu teuer
M. meint
Im Vergleich zu was?
Ben meint
Im Vergleich zu einem vergleichbaren Fahrzeug, ID.4 GTX Vollausstattung, knapp 70k. Model Y AWD 55k wobei man natürlich sagen muss der ID.4 GTX dann immernnoch schlechter ausgestattet ist.
hu.ms meint
Aber wer will schon durch den tesla-kauf einen völlig abgehobenen grössenwahnsinnigen unterstützen, der die gesellschaft nach seinen vorstellungen verändern will.
M. meint
Das muss ich sowohl bei der Ausstattung als auch beim Endkundenpreis anzweifeln.
Thorsten 0711 meint
Der Tesla hat einen besseren Tacho, HUD, Massagesitze, Android Auto/Carplay und lädt obendrein noch schneller? Wow! 😲
Besser-BEV-Wisser meint
Hab den Podcast gehört. Sehr aufschlussreich!
Wenn die Politik nur halb so klar denken, reden und handeln würde wie Diess in dem Podcast, wären wir 10 Jahre weiter und führend in Europa bei Energiewende, -kosten und e-Mobilität.
Und das ich das über Diess mal sagen würde, der bei VW zwar in die richtige Richtung lief aber auch viele falsche (zu ambitionierte) Entscheidungen getroffen hat, erstaunt mich selbst.