Arne Stöcker vom Online-Vergleichs- und Vermittlungsportal für den Autokauf und -verkauf Carwow Deutschland war im Mai bei der Messe „Auto China 2026“ in Peking vor Ort. Sein Fazit: Der Automobilsektor erlebt einen massiven Technologiesprung, Auto- und Techbranche wachsen immer stärker zusammen, und China entwickelt sich zum globalen Innovationszentrum der Autoindustrie.
Vor diesem Hintergrund bündelt Carwow die zentralen Trends der Messe im „Auto Beijing 2026 Report“ und ordnet ein, wie sich Wettbewerb, Technologie und Kundenerwartungen in den kommenden Jahren verschieben werden. Im Fokus stehen Batterietechnologie, Software-Integration, Preisstrukturen und neue digitale Ökosysteme im Fahrzeug.
„Ein Markt im strukturellen Umbruch“
Die Entwicklungen in Peking zeigen demnach einen klaren Strukturwandel der Branche. Während internationale Hersteller weiterhin präsent sind, dominieren zunehmend chinesische Marken das Messebild und den Markt. Unternehmen wie BYD, Chery, Xpeng oder Geely treten selbstbewusst als globale Akteure auf, flankiert von Tech-Konzernen wie Huawei, die sich immer stärker in die Fahrzeugentwicklung integrieren.
Viele Fahrzeuge werden dabei gezielt für den chinesischen Markt, mit Fokus auf Software, Nutzererlebnis und digitale Services, entwickelt. Parallel entstehen neue Marken, Gemeinschaftsunternehmen und Plattformstrategien, die konsequent auf lokale Anforderungen ausgerichtet sind. „China ist heute nicht mehr nur ein wichtiger Markt, sondern der zentrale Taktgeber der Branche“, sagt Stöcker.
Was sich in der Automobilindustrie zeigt, spiegelt sich auch in der Zahl der Kaufanfragen und realisierten Verkaufsabschlüsse auf Carwow wider: Im ersten Quartal 2026 gehört Stromer-Riese BYD bereits zu den meistnachgefragten Marken auf Carwow Deutschland. Rechnet man Leapmotor und XPeng hinzu, verzeichnen diese drei chinesische Marken ein Wachstum von über 100 Prozent im Jahresvergleich.
Technologie, Tempo und Preis verändern die Spielregeln
„Diese Zahlen sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck der Entwicklungen, die sich in China beobachten lassen und die die zentralen Wettbewerbskriterien der Branche verschieben“, so Stöcker. „Fortschritte in der Batterietechnologie verkürzen die Ladezeiten drastisch und erhöhen gleichzeitig Reichweiten. Das verändert die Alltagstauglichkeit der Elektromobilität fundamental.“
Parallel dazu entwickele sich das Auto zur Software-Plattform, die sich über Updates, Künstliche-Intelligenz-Integration und digitale Services kontinuierlich weiterentwickelt. Technologieunternehmen spielten dabei eine zunehmend zentrale Rolle – nicht mehr nur als Zulieferer, sondern als Architekten des digitalen Fahrzeugerlebnisses. Hinzu komme eine Preisstruktur, die insbesondere im Volumensegment neue Maßstäbe setze und den globalen Wettbewerb verschärfe.
Konsumenten im Wandel
Auch die Konsumentenperspektive hat sich in den vergangenen zwei Jahren spürbar verändert. Eine Carwow-Umfrage zeigt eine deutlich steigende Bekanntheit chinesischer Autohersteller im deutschen Markt. Bekanntere Marken erreichen dabei sogar eine Bekanntheit bis zu 79 Prozent.
Parallel dazu deutete die damalige Studie bereits auf eine grundsätzlich wachsende Offenheit hin: 44 Prozent der deutschen Verbraucher konnten sich vorstellen, ein in der Volksrepublik hergestelltes Fahrzeug zu kaufen. Gleichzeitig blieb die Kaufentscheidung jedoch noch deutlich von Zurückhaltung geprägt. Als zentrale Hürden wurden insbesondere das Service- und Werkstattnetz (40 %), mangelnde Markenvertrautheit (23 bis 30 % je nach Abfrage) sowie Datenschutz- und politische Bedenken genannt.
Auf der einen Seite wächst demnach die Nachfrage nach neuen, chinesischen Marken und Technologien spürbar. Auf der anderen Seite bestehen weiterhin strukturelle Vertrauensfragen rund um Service, Marke und langfristige Kundenbetreuung
China als globales Innovationslabor
China hat sich zugleich zum zentralen Entwicklungszentrum der globalen Automobilindustrie entwickelt. Innovationen in Künstliche Intelligenz, Infotainment und Fahrerassistenz werden häufig zuerst dort getestet und anschließend global ausgerollt. „China ist längst nicht mehr nur Absatzmarkt, sondern das zentrale Innovationslabor der Branche“, sagt Stöcker. „Viele Entwicklungen, die wir in Europa sehen werden, entstehen hier zuerst.“
Ein zentrales Thema bei der Messe in Peking war der Durchbruch bei Batterietechnologie und Ladeinfrastruktur. Führende Batteriehersteller präsentierten Systeme mit Ladeleistungen im Megawatt-Bereich und Zielwerten von 10 auf 80 Prozent in unter vier Minuten. „Wenn Laden nur noch wenige Minuten dauert, verändert das die gesamte Logik der Elektromobilität“, meint Stöcker. „Das ist ein echter Wendepunkt – faktisch verschwindet die Reichweitenangst.“
Gleichzeitig setzten chinesische Hersteller neue Preismaßstäbe: Premium-SUVs stünden für deutlich günstigere Preise den vergleichsweisen teureren Modellen in Europa gegenüber, erklärt Stöcker.
Was das für Europa und den Handel bedeutet
Für den europäischen Automobilhandel ergeben sich daraus laut Stöcker klare Veränderungen. Die Zahl neuer Marken steige, ebenso wie die Komplexität der Produktlandschaft. Technologiekompetenz werde zum entscheidenden Faktor: Software, Batterie und Ladeinfrastruktur rückten stärker in den Mittelpunkt der Beratung. Gleichzeitig veränderten sich Kundenerwartungen hin zu mehr Transparenz, digitalem Erlebnis und Preis-Leistung.
„Der Handel wird eine Schlüsselrolle spielen, wenn diese neuen Marken nach Europa kommen“, sagt Stöcker. „Es geht nicht nur um Vertrieb, sondern um Vertrauen, Orientierung und die Übersetzung einer neuen technologischen Realität.“
„China Speed“ als neuer Branchenstandard
Die Auto China 2026 zeige damit klar: Die Automobilindustrie entwickelt sich nicht linear, sondern in Technologiesprüngen. Software, Batterietechnologie und Preisstruktur verändern sich gleichzeitig, mit China als zentralem Treiber. Für Europa bedeutet das steigenden Wettbewerbsdruck, aber auch die Notwendigkeit, Innovationsgeschwindigkeit und Marktmodelle grundlegend neu zu denken.
Das Bild bleibt damit laut Carwow zweigeteilt: Auf der einen Seite wächst die Nachfrage nach neuen, chinesischen Marken und Technologien spürbar. Auf der anderen Seite bestehen weiterhin strukturelle Vertrauensfragen rund um Service, Marke und langfristige Kundenbetreuung. Genau hier liege der entscheidende Hebel für den Handel: Vertrauen werde zur zentralen Währung im Markt – und damit zur eigentlichen Chance für Händler, sich in einem zunehmend komplexen Umfeld als Orientierungspunkt und verlässlicher Partner zu positionieren.
„Wir stehen vor einer Phase, in der sich die globalen Spielregeln der Automobilindustrie neu sortieren“, resümiert Stöcker. „Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich der Markt verändert, sondern wer durch Vertrauen diesen Wandel erfolgreich begleiten kann.“

MK meint
Einen Wandel im Handel bemerkt man ja schon seit Jahren: Händler nehmen immer mehr Marken auf. Den Händler, der von Gründung bis in alle Ewigkeit nur die Stammmarke verkauft, findet man immer seltener. Und wer immer mehr Marken anbietet, kann auch schneller eine Marke, die nicht das liefert, was er erwartet (auch was Vertragsbedingungen wie Werbekostenzuschüsse und Marge angeht), rauswerfen. Grade den VW-Konzern, aber auch Toyota und Ford sieht man hier recht deutlich auf dem Rückzug, immer öfter zu Gunsten von BYD.
Jörg2 meint
Um „etwas“ pointiert darzustellen:
Deutschland faxt.
China schreibt eMails.
David meint
Binsenweisheiten. Aber dennoch ist richtig, dass man schnell über einen Impulskauf bei einer chinesischen Marke landet, wenn man keinen moralischen Wertekompass hat. Aber die Frage kommt dann später, wie es mit Service, Ersatzteilen und Problemen beim Wiederverkauf beziehungsweise der Leasing Rückgabe ist.
Aber auch vorher ist nicht alles schön: Da kann im Auto noch so alles gliimmern und funkeln, wenn du dann zum ersten Service dich bei A.T.U am schmierigen Tresen hinter vier Ölfingern anstehen musst, ist das Kundenerlebnis bei Null.. Ebenso klingelt und bimmelt es pasenlos, wenn du 1 km/h zu viel fährst. Und wenn man’s überhaupt abstellen kann, dann im fünften chinesischen Untermenü und auf dem Rückweg wieder.
Paule meint
Deutlicher könnte das Alarmsignal für Volkswagen nicht sein: Ausgerechnet in Kassel, wo VW sein zweitgrößtes deutsches Werk hat, entscheidet sich jetzt ein traditioneller VW-Händler dafür, chinesische Elektroautos des Konkurrenten BYD ins Programm zu nehmen.
Dort landet man also, „wenn man keinen moralischen Wertekompass hat“?
(Vergiss die Frage, wusste ich schon vorher).
„die Frage kommt dann später, wie es mit Service, Ersatzteilen und Problemen beim Wiederverkauf beziehungsweise der Leasing Rückgabe ist.“
Wird sich mit den Erfahrungen der bisherigen Kundschaft des traditioneller VW-Händlers decken. Warum solle es auch plötzlich anders werden. Ess sei denn, sein neuer BYD-Vertragspartner erklärt ihm, was erwartet wird und zu leisten ist.
Jörg2 meint
David
Am Produkt gibt nichts mehr zu meckern!?
Fred Feuerstein meint
Jetzt versucht man es mit dem Appell an den moralischen Wertekompass, wenn schon die Produkte nicht mehr verunglimpft werden können….Schade nur, dass dieser bei seinem Lieblingskonzern ebenso abhanden gekommen ist. Sonst wären die Eskapaden der Vergangenheit nicht möglich gewesen.
Paule meint
Gar nicht so lange her, da stand in den Vertragsbedingungen drin, dass man als Dienstleister nicht auf das Werksgelände fahren darf, wenn vorne kein Stern dran ist. Jetzt räumt man bei Sternauto den Verkaufsraum frei für die schicken neuen China-Autos. Und klar, wenn die in Kürze das nennenswerte Volumen des Umsatzes vom Glaspalast machen wird sich wieder bestätigen: beim Geld hört die Freundschaft auf, und der kaufmann überlegt, wie er aus dem Vertrag mit Mercedes rauskommt.
Die Entscheidung, sich eine chinesische Marke ins Haus zu holen bestätigt mir eigentlich nur, wie groß die Not jetzt schon ist.
South meint
Na, ich weiß nicht, ob man die Ansprüche da so 1:1 übertragen kann. Ich kann mit den abstrakten Phrasen wie „Software, Nutzererlebnis und digitale Services“ nicht viel anfangen. Natürlich erwarte ich eine Verbindung mit dem Smartphone, Ladeplanung etc., aber alles ausserhalb der Mobilität, da habe ich Smartphone, Tablet etc. und die habe ich im Gegensatz zum meinem Auto immer bei mir.
Ich habe mir auch beim Audi kein Beifahrerdisplay nicht dazu bestellt. Mir wäre im besten Willen nix eingefallen, für was ich das brauchen sollte. Im Alltag brauche ich es nicht und auf Fernreisen nehme ich mein Tablet mit.
Aberrrr. Wesentlich wichtiger sind die Bereiche um die eTechnik wie Laden und Accu. Das reden wir von Kernkomponenten. Da nen wichtigen Trend zu verpennen ist gefährlich. Ein Auto mit altem technischen Stand mit teuren Preisen, das würde für die heimische Industrie den Todesstoß bedeuten.
So richtig krass fand ich den 7er BMW mit 400V Technik für 150T€…. jepp, sowas geht superklar nicht lange gut…
Future meint
Stöcker sagt, dass Vertrauen in Europa ein wichtiger Faktor für die neuen Kunden der chinesischen Marken sei. Dazu passt der Bericht auf SPON vom langen Wochenende: »So lebt es sich mit einem Elektroauto wirklich«. Die Erfahrungsberichte der E-Autobesitzer wurden an Ladesäulen eingesammelt. Im Interview haben Besitzer von BYD, MG und Volvo geantwortet. Alle diese Fahrzeug wurden in China hergestellt. Diese Kunden hatten offenbar bereits volles Vertrauen in die chinesische Technologie. Interessant ist, dass in dem Bericht keine Besitzer von Volkswagen oder Tesla vorkommen – vielleicht wollten die dem Reporter nichts sagen.
MK meint
@Future:
Ich denke, Leute die an einer innerstädtischen Ladesäule auf einem Supermarktparkplatz am Auto bleiben und unter der Woche mittags Zeit für ein Gespräch mit einem Reporter haben, sind schon eine recht besondere Spezies ;)
Z.B. bei der zuerst befragten Dame mit dem Volvo EX30 (der übrigens im belgischen Gent gebaut wird…aber das nur so am Rande…), die nach 2 Jahren mit dem Auto scheinbar immer noch keine Möglichkeit gefunden hat, das Laden in ihren Alltag zu integrieren ohne, dass es sie stört.
Wir haben in meiner Familie z.B. einen Vinfast. Die Fahrerin hat sich halt bewusst auf das Experiment eingelassen, weil er vorletztes Jahr noch z.B. bei der Anhängelast in seiner Preisklasse absolut konkurrenzlos war. Sie weiß aber auch, wie man die Software resettet, weil man das vor dem letzten Update (das noch vor Ort in einer 100 km entfernten Werkstatt vorgenommen werden musste…und erst beim zweiten Versuch geklappt hat) alle paar Wochen gebraucht hat. Auch Warnleuchten meint sie hat sie gelernt sehr gut zu ignorieren.
Ich hingegen bin jemand, der sich nur mit seinem Auto beschäftigen will, während ich es fahre…und meistens direkt zu einem konkreten Anschlusstermin, wo also alles klappen muss. Da macht man keine Experimente bei der Marke…man steht aber halt auch nicht tagsüber neben seinem Auto an der Ladesäule: Wer so tickt wie ich, hat aus meiner Erfahrung entweder die Möglichkeit, dass eAuto so zu laden, dass es gegenüber dem Tanken eher Zeit spart (weil das Auto lädt, wo man es sowieso parkt)…oder fährt Verbrenner.
Lange Rede, kurzer Sinn: Hätte man heute an Pfingsmontag in einem außerorts an einer Autobahn liegenden Schnell-Ladepark gefragt, hätte man sicher vollkommen andere Menschen mit vollkommen anderen Meinungen getroffen.
Paule meint
„Lange Rede, kurzer Sinn:“ 🤣
Referendar meint
„Diese Kunden hatten offenbar bereits volles Vertrauen in die chinesische Technologie“
„Hatten“ ist hier der richtige Begriff. Dem aufmerksamen Leser des SPON Artikels wird nicht entgangen sein, dass 3 der 4 Befragten mit ihren Fahrzeugen nicht zufrieden sind, bzw. nicht in dem Maße wie erwartet. Das Ehepaar mit dem BYD merkte allerdings an dass sie noch zwei Audi besitzen, eins davon ein BEV, mit denen sie sehr zufrieden sind.