Green NCAP ist ein unabhängiges Programm, das Fahrzeuge systematisch auf ihre Umweltbilanz prüft. Die Untersuchung umfasst Schadstoffemissionen, die Energieeffizienz sowie eine vollständige Lebenszyklusanalyse. Das Portal Elektroauto-News.Net hat mit Aleksandar Damyanov gesprochen, der für die Testprogramme verantwortlich ist.
Die Organisation ist eine Schwesterorganisation des europäischen Sicherheitsprogramms Euro NCAP. Fahrzeuge werden im Labor und auf der Straße getestet, wobei die Ergebnisse in ein Sterne-Rating von null bis fünf übersetzt werden. Das Programm entstand als Reaktion auf den Dieselskandal. „Der Dieselgate hat einen großen Vertrauensbruch verursacht“, erklärt Damyanov.
Das Sterne-Rating basiert auf drei Indizes, die zu gleichen Teilen in die Gesamtbewertung einfließen: „Clean Air“ für Schadstoffemissionen, „Energy Efficiency“ für den Energieverbrauch über die gesamte Lebensdauer und ein Treibhausgasindex für den Klimaeinfluss. Hersteller können auf Anfrage Rohdaten der Einzeltests einsehen.
Seit 2019 hat Green NCAP knapp 200 Fahrzeuge bewertet. Pro Jahr werden etwa 30 bis 40 Modelle ausgewählt, basierend auf Marktrelevanz, medialer Aufmerksamkeit und technologischer Besonderheit. Durch das sogenannte Family-Building-Verfahren können technisch identische Antriebsstränge, Batterien und Abgasnachbehandlungen unter einem gemeinsamen Rating zusammengefasst werden.
Volle Lebenszyklusanalyse seit 2025
Bis 2024 erhielten Elektroautos beim Green-NCAP-Test fast automatisch fünf Sterne. Mit der Einführung der vollständigen Lebenszyklusanalyse (Life Cycle Assessment, LCA) im September 2025 änderte sich dies, da nun die gesamte Kette von der Batterieherstellung bis zum Lebensende berücksichtigt wird. „Wir haben jetzt ein Beispiel von einem sehr schweren, großen Elektro-SUV mit drei Sternen“, erklärt Damyanov. Kleine, effiziente Hybride würden besser abschneiden als manches große Elektroauto.
Die Lebenszyklusanalyse nutzt wissenschaftliche Datenbanken für Annahmen zu Treibhausgasintensitäten bei Materialien wie Stahl oder Aluminium. Green NCAP berücksichtigt zudem den Produktionsort in Europa oder Asien. Dass einige chinesische Hersteller Lieferkettendaten für Überprüfungen öffnen, wird von Damyanov begrüßt.
Die Finanzierung erfolgt durch ein Konsortium aus Regierungen wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien sowie Mobilitätsclubs wie dem ADAC und der FIA. Hersteller können Tests sponsern, haben aber keinen Einfluss auf die Ergebnisse. Die Testprotokolle sind öffentlich zugänglich, um die Reproduzierbarkeit der Messungen zu gewährleisten. „Das ist unsere größte Absicherung“, so Damyanov.
Abweichungen zwischen Messwerten und Herstellerangaben wurden bereits dokumentiert, etwa bei einem Modell der chinesischen Marke BYD bezüglich der Ladewerte. Damyanov führt dies auf unterschiedliche Testbedingungen zurück. Einige Fahrzeuge reagierten empfindlicher auf Umgebungseinflüsse als andere. Der Hersteller wurde informiert – ob und wie er reagiert hat, prüft Green NCAP anhand der nächsten Modellergebnisse.
Seit letztem Jahr existiert zudem das Bewertungssystem „Driving Experience“, das Aspekte wie Reichweite im Winter oder Ladegeschwindigkeit prüft. Durch eine Kooperation mit CharIN, einer Organisation zur weltweiten Standardisierung von Ladeprotokollen, erhalten zertifizierte Fahrzeuge ein entsprechendes Label zur Kennzeichnung der Kompatibilität mit der öffentlichen Ladeinfrastruktur.

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