Eine von Siemens erstellte Modellierung beziffert den Investitionsbedarf für die europäischen Stromverteilnetze bis 2030 auf 24,7 Milliarden Euro, um das prognostizierte Wachstum von Elektrofahrzeugen aufzunehmen. Die Untersuchung wurde gemeinsam von EIT Urban Mobility, ChargeUp Europe und ACEA beauftragt. In einem Szenario mit intelligentem E-Fahrzeug-Lastmanagement sinkt der geschätzte Bedarf auf rund 14,1 Milliarden Euro und damit um 10,6 Milliarden Euro.
Die Studie „Electricity Grids in Europe“ untersucht die erwartete Verbreitung batterieelektrischer Pkw und leichter Nutzfahrzeuge in den EU27 und drei EWR-Staaten. Grundlage sind sechs urbane Archetypen, die auf 64 städtische Zentren angewendet wurden. Analysiert wird, wie Investitionen, Digitalisierung und Flexibilität die Stromnetze auf die wachsende Elektromobilität vorbereiten können.
E-Fahrzeug-Lastmanagement bezeichnet dabei die nahezu in Echtzeit erfolgende Steuerung der Ladeleistung von Elektrofahrzeugen, um Netzüberlastungen in Zeiten hoher Stromnachfrage zu verhindern. Zusammen mit der Digitalisierung der Netze soll intelligentes Laden eine bessere Nutzung vorhandener Kapazitäten ermöglichen und den Verstärkungsbedarf reduzieren. Die Studie betont zugleich, dass dies die Notwendigkeit einer physischen Netzverstärkung nicht beseitigt.
Bis 2030 könnten rein batterieelektrische Pkw (BEV) nach dem Siemens-Modell 27,3 Prozent des Pkw-Bestands in Schweden, 15,7 Prozent in Deutschland, 4,6 Prozent in Italien, 4,5 Prozent in Spanien und 2,5 Prozent in Polen ausmachen. Gegenüber 2024 entspricht dies einem Wachstum um das 3,4- bis 5,3-Fache. Bei leichten Nutzfahrzeugen werden BEV-Anteile von 22,7 Prozent in Schweden, 9,1 Prozent in Deutschland und 5,9 Prozent in Polen prognostiziert. Polens elektrische Transporterflotte soll sich im Zeitraum nahezu verzehnfachen.
Auch Ort und Zeitpunkt des Ladens beeinflussen den lokalen Netzbedarf. Für die repräsentativen Städte wird modelliert, dass bis 2030 rund 55 bis 62 Prozent der E-Fahrzeug-Besitzer Zugang zu Lademöglichkeiten am Wohnort haben könnten. Die Spannbreite beruht auf Unterschieden zwischen Stockholm, München, Barcelona, Rom, Kiel und Krakau und ist eine Modellannahme auf Basis von Wohnungsdaten und erwarteter E-Fahrzeug-Verbreitung.
Stromnetze müssen mit E-Mobilität wachsen
Für die 64 untersuchten urbanen Zentren werden bis 2030 3,8-mal so viele BEV prognostiziert, wobei jedes Zentrum eine Netzverstärkung benötigen würde. 77,7 Prozent der Investitionen in physische Netzverstärkung entfallen auf die Niederspannungsebene, vor allem aufgrund des Ladens von Elektrofahrzeugen am Wohnort. Der Investitionsbedarf ist in Mitteleuropa am höchsten, gefolgt von den nordischen Ländern, Osteuropa und Südeuropa.
Städte mit geringerem Zugang zu privaten Lademöglichkeiten zu Hause sind stärker auf öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen. Ohne E-Fahrzeug-Lastmanagement werden in der Studie bis 2030 Investitionen von 24,7 Milliarden Euro in die Netzverstärkung veranschlagt, mit Lastmanagement 14,1 Milliarden Euro. E-Fahrzeug-Lastmanagement und physische Netzverstärkung gelten dabei als ergänzende Maßnahmen. „Selbst im Lastmanagement-Szenario sind in allen in die Analyse einbezogenen europäischen Regionen weiterhin physische Upgrades erforderlich“, erklären die Analysten.
„Die europäische Automobilindustrie investiert massiv in den Übergang zur Elektromobilität, doch Fahrzeuge sind nur ein Teil des Ganzen“, sagt Sigrid de Vries vom europäischen Autoherstellerverband ACEA. „Die Stromnetze müssen mit der zunehmenden Verbreitung von Elektrofahrzeugen Schritt halten, insbesondere auf lokaler Ebene, wo sich der Ladebedarf zunehmend bemerkbar machen wird.“
„Diese Studie zeigt, dass intelligenteres Laden den Investitionsbedarf erheblich senken kann – allerdings nur, wenn wir den Schritt von theoretischen Konzepten zum intelligenten Laden hin zu Lösungen machen, die in der Praxis tatsächlich funktionieren. Europa braucht nun gezielte Investitionen in das Stromnetz, eine bessere Übersicht über die lokalen Kapazitäten und die richtigen marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, um die Flexibilität zu erschließen, die Elektrofahrzeuge bieten können.“

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