In Norwegen erreichten die Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen im April einen Anteil von 98,6 Prozent. Damit ist die Elektromobilität im Land weit fortgeschritten, wobei etwa ein Drittel der gesamten Fahrzeugflotte elektrisch betrieben wird. Dieser Wandel basiert auf einer langfristigen Strategie, die bereits im Jahr 2001 mit Steuerbefreiungen bei der Mehrwertsteuer und der Zulassungssteuer begann.
Zusätzliche Anreize wie Vergünstigungen bei Maut und Parkgebühren sowie das Recht zur Nutzung der Busspur unterstützten den Übergang. Parallel dazu wurden die Kosten für Verbrenner durch steigende Zulassungssteuern, die je nach CO2-Ausstoß bis zum Vierfachen früherer Werte betragen können, stark erhöht. Die wirtschaftliche Attraktivität von E-Autos wird zudem durch niedrige Betriebskosten gestützt, da Norwegen über günstigen, außerdem klimaneutralen Strom aus Wasserkraft verfügt.
Der Ausbau der Ladeinfrastruktur wurde ab den 2010er-Jahren durch Investitionen forciert. Mittlerweile existieren über 10.000 Schnellladepunkte im Land. Seit 2017 garantiert ein gesetzlich verankertes „Recht auf Laden“ Mietern die Möglichkeit, Ladesäulen zu installieren. Da der Anteil der E-Autos bei Neuwagen fast 100 Prozent erreicht, werden Privilegien schrittweise reduziert. So fällt die Mehrwertsteuerbefreiung ab einem gewissen Freibetrag weg und soll 2028 endgültig auslaufen. Auch die Nutzung der Busspur wurde eingeschränkt, da dies zu Problemen im Stadtverkehr führte.
„Geradliniger Kurs in Richtung E-Auto“
Christina Bu, seit 2014 Vorsitzende des norwegischen Elektroauto-Verbands, erklärt im Gespräch mit der Welt: „Trotz wechselnder Regierungen haben wir einen geradlinigen Kurs in Richtung E-Auto eingeschlagen.“ Es sei „nicht so ein Hin und Her wie etwa in Deutschland“ gewesen, wo es viel Unsicherheit über die Förderung gab. Bu merkt an, dass Norwegen eine Pionierrolle einnahm: „Wir waren sozusagen die Versuchskaninchen.“
Die finanzielle Belastung durch Steuerausfälle in Milliardenhöhe konnte die norwegische Regierung durch Einnahmen aus dem staatlichen Ölfonds auffangen. Während die Förderung eher wohlhabende Käufer begünstigte, wird erwartet, dass der Gebrauchtwagenmarkt die Verfügbarkeit für alle Bevölkerungsschichten zeitverzögert erhöhen wird.
Die ökologischen Erfolge sind messbar: Der CO2-Ausstoß im Straßenverkehr sank von 10,5 Millionen Tonnen im Jahr 2015 auf 7,5 Millionen Tonnen im Jahr 2024. Auch die Stickoxid- und Feinstaubwerte in Städten gingen zurück. Es gibt allerdings technische Herausforderungen, wie die Reduktion der Reichweite bei Kälte oder Überlastungen des Stromnetzes. Dem wird unter anderem mit einer noch enger getakteten Ladeinfrastruktur sowie variablen Stromtarifen begegnet. Der steigende Strombedarf, der bis 2040 um 60 Prozent prognostiziert wird, führt zu Debatten über den Einsatz von Atomkraft.
Zudem bestehen Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Abhängigkeit von chinesischen Zulieferern und potenzieller Manipulationen bei Elektrobusse. Auch die Recycling-Frage für die Batterien ist noch nicht zufriedenstellend gelöst. Christina Bu vom E-Auto-Verband räumt zudem ein: „Es mag sein, dass wir in manchen Bereichen nicht vollständig auf Elektroantrieb umsteigen sollten, zum Beispiel beim Militär oder bei der Polizei“. Das sei aber kein Grund, nicht den Großteil des Verkehrs zu elektrifizieren.
Für die Zukunft plant Norwegen, den Lastverkehr vollständig auf Elektroantrieb und Biokraftstoffe umzustellen. Eine spezielle Ladeinfrastruktur für Lkw wird derzeit bereits ausgebaut. Auch viele Fähren fahren bereits elektrisch. Bei Containerschiffen sieht Bu Grenzen für den rein elektrischen Antrieb und verweist auf andere Antriebsarten.

simon meint
Was bei Schiffen oder Landmaschinen zur Elektrifizierung führen könnte wären kleinere autonome Fahrzeuge. Könnte mir schon vorstellen das in Zukunft z.B. ein (oder mehrere) kleinerer Robotertraktor pflügt und säht.