Volkswagen hat die Entwicklungsarbeiten am künftigen Elektro-Golf vorübergehend ausgesetzt. Das erklärte David Powels, Finanzvorstand der Marke Volkswagen und der Markengruppe Core, bei der Veröffentlichung der Neunmonatszahlen. Die Arbeiten am „ID. Golf“ sollen erst wieder aufgenommen werden, wenn die dafür erforderlichen Investitionen finanziell abgesichert sind.
Hintergrund ist die angespannte Ertragslage der Kernmarke Volkswagen. In den ersten neun Monaten 2026 sank das operative Ergebnis von VW Pkw von 1,48 Milliarden auf 813 Millionen Euro, während die Umsatzrendite von 2,3 auf 1,3 Prozent zurückging. Allein im dritten Quartal verzeichnete die Marke einen operativen Verlust von 182 Millionen Euro. Belastend wirkten unter anderem höhere Verkaufsanreize, Restrukturierungsaufwendungen, die geplante Veräußerung der Volkswagen Osnabrück GmbH sowie die Einstellung der Produktion des Elektro-SUV ID.4 im US-amerikanischen Chattanooga.
Besonders unter Kostendruck steht das Stammwerk Wolfsburg, an dem der rein elektrische Golf künftig produziert werden soll. Nach Angaben von VW-Markenchef Thomas Schäfer in einem internen Interview, über das Reuters berichtete, verfehlt der Standort seine Kostensenkungsziele für 2026 um rund 300 Millionen Euro. Die Werke Emden und Zwickau liegen bei der Reduzierung ihrer Fabrikkosten dagegen im Plan. Schäfer erklärte, Volkswagen könne sich die Entwicklungsarbeiten am ID. Golf derzeit finanziell nicht leisten und wolle sie nach weiteren Kostensenkungen möglichst schnell wieder aufnehmen.
Der ID. Golf soll auf der Scalable Systems Platform (SSP) basieren, die Volkswagen als neue, rein elektrische Fahrzeugarchitektur mit einheitlicher Softwarearchitektur entwickelt. Für die Fertigung sind das Stammwerk Wolfsburg und eine gemeinsame Produktionsplanung mit einem ebenfalls elektrischen T-Roc vorgesehen. Nach den bisherigen Planungen soll der ID. Golf Anfang der 2030er-Jahre auf den Markt kommen. Angaben zu Batteriegrößen, Reichweite, Ladeleistung oder Preisen liegen bislang nicht vor.
Die Neuordnung der Wolfsburger Produktion wurde bereits Ende 2024 im Rahmen der Vereinbarung „Zukunft Volkswagen“ beschlossen. Demnach soll die Fertigung des konventionell angetriebenen Golf und Golf Variant ab 2027 ins mexikanische Puebla verlagert werden. In Wolfsburg sind unter anderem die Produktion des Batterie-Kompaktwagens ID.3 und des Cupra-Schwestermodells Born sowie später die Fertigung neuer SSP-basierter Elektromodelle vorgesehen.
Der Volkswagen-Betriebsrat erklärte gegenüber Reuters, dass die aktuelle Entwicklungspause nicht zwangsläufig zu einer Verzögerung des ID. Golf führen müsse und verlorene Zeit aufgeholt werden könne. Die Entscheidung fällt in eine Phase wachsender Elektroauto-Nachfrage in Deutschland bei gleichzeitig erhöhtem wirtschaftlichem Druck auf Volkswagen. Nach Unternehmensangaben tragen hohe Kraftstoffpreise und staatliche Fördermaßnahmen zur steigenden Nachfrage nach batterieelektrischen Fahrzeugen bei. Zugleich erzielen die ertragsstärkeren Verbrennermodelle weiterhin höhere Ergebnisbeiträge als vergleichbare Elektroautos.

Jensen meint
Es ist wohl im deutschsprachigen Raum kein anderer Markenname so bekannt und stark wie der des VW Golf. Die offenbar schon laufende Entwicklung des E-Golf zu unterbrechen, ist wohl mehr als ein schlimmes und unverständliches Zeichen in die Welt. VW wollte doch deutlich schneller und effektiver in der Entwicklung sein und werden. Die in heutigen Fahrzeugen in aller Welt verbauten Bestandteile sind in erster Linie Massenware und auch in allen Varianten verfügbar. Der typische Kunde im E-Bereich, insbesondere die mit etwas Erfahrung, wissen recht genau, was sie wollen und bereit sind zu bezahlen. Man kauft ein Auto mit guter Ausstattung, moderner Software, Assistenzsystemen und kann idealerweise auch noch auf ein gut durchdachtes Ladenetzwerk zugreifen. Die Entwicklung der Fahrzeughülle dürfte heute keine so großen Hürde mehr darstellen, es ist eben eine Designfrage. Die entscheidende Frage dürfte für VW sein, ob man es schafft insbesondere bei der Software vom zahlenden Kunden gegenüber vielen Zulieferern zum „Eigenmacher“ zu werden. Vielleicht sollten die Wolfsburger die Entwicklung, nach Vorgabe der wichtigsten Eckpunkte, vollständig in China machen lassen. Da dürften dann nach 2-3 Jahren mehrere Prototypen zur Auswahl stehen.
Jörg2 meint
Was für ein Drama. Also: ab Absatz 2.
Das mal eine Entwicklung geschoben wird, warum auch immer, ist eigentlich normal.
South meint
Naja, wer bei der Entwicklung spart, der spart am falschen Ende. Die Weisheit galt zwar schon immer, aber in einem solchen Marktumbruch wie bei dem Übergang zu eAutos, kann einem das schlicht den Kopf kosten… sogar eher, das wird einem sehr sicher den Kopf kosten.
Mark Müller meint
Der abgebildete Golf sieht uralt aus, während der ID.3, v.a. in der originären Form, ein sehr gelungenes, modernes Design hat. Der deutsche Michel brauchte einfach wie üblich ein paar Jahre, um das zu merken.
EV1 meint
Forschung und Entwicklung sind kein Kostenblock, sondern die Lebensversicherung eines Industriekonzerns.
Wer ausgerechnet in einer Phase technologischer Umbrüche die Entwicklung neuer Produkte auf Eis legt, verbessert vielleicht kurzfristig die Bilanz, gefährdet aber seine Wettbewerbsfähigkeit von morgen.
Kosten lassen sich später aufholen, verlorene Innovationskraft deutlich schwerer. Wenn Volkswagen beim elektrischen Golf den Rotstift ansetzt, stellt sich die Frage, ob hier nur Liquidität gesichert wird oder ob bereits der Glaube an die eigene Zukunft schwindet. Die Bilanz mag heute entlastet werden, doch die Rechnung könnte erst in einigen Jahren präsentiert werden.
LMdeB meint
Oha. Die Wolfsburger haben RICHTIG zu kämpfen! Das sollte langsam jedem klar sein/werden.
Werner Mauss meint
Tja und jetzt bin ich mal gespannt auf die VW Fanboys. Wer von diesem blauen Laden noch Fahrzeuge kauft hat den Schuss noch immer nicht gehört. Aber bald läuft es in dem Konzern sicher bald wieder, wenn wieder ein Modell in einer Farbe gebaut wird.
Futureman meint
Einsparungen bei der Entwicklung der Zukunft sind der Anfang vom Untergang.