Die Welt befindet sich vor dem Hintergrund des Konflikts der USA mit dem Iran laut Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), in der größten Energiekrise der Geschichte. Die Produktions- und Lieferausfälle bei Erdöl, Erdgas und Treibstoffen seien größer als in allen drei vorherigen Energiekrisen zusammen, sagt er im Interview mit dem Spiegel.
Die globale Versorgungslage wird zusätzlich durch fehlende Produkte aus den Golfstaaten, vor allem Düngemittel, belastet. Birol warnt vor einer möglichen weltweiten Nahrungsmittelkrise. Die Straße von Hormus sei dabei zentral für die Energie- und Rohstoffversorgung. Mindestens 80 Energieanlagen im Nahen Osten seien im Krieg beschädigt worden, darunter Ölfelder, Gasfelder, Raffinerien, LNG-Terminals und Pipelines. Ein Drittel dieser Anlagen sei schwer oder sehr schwer beschädigt.
Selbst bei einer anhaltenden Waffenruhe und der vollständigen Öffnung der Straße von Hormus werde es lange dauern, bis das Vorkriegs-Produktionsniveau der Öl- und Gasindustrie erreicht sei. Scheitere die Waffenruhe, drohe eine sofortige Verschärfung der Energiekrise, so der Energieexperte. Manche Reparaturen könnten in Wochen oder Monaten abgeschlossen werden. Andere, etwa bei stark beschädigten LNG-Anlagen in Katar, könnten Jahre dauern. Einige Länder hätten bereits begonnen, Erdgas für energieintensive Industrien zu rationieren.
„Ich glaube nicht, dass Deutschland derzeit die größten Schwierigkeiten hat“
In Europa könnten Diesel und Kerosin in den kommenden Wochen knapp werden. Viele Treibstofflager seien fast leer, und ein stabiler Produktionsanstieg sei entscheidend, um Engpässe zu vermeiden. Deutschland verfüge über substanzielle Reserven und arbeite an Liefervereinbarungen außerhalb des Nahen Ostens. „Ich glaube nicht, dass Deutschland derzeit die größten Schwierigkeiten hat, aber kein Staat ist immun“, so Birol.
Der IEA-Chef nennt drei kurzfristige politische Maßnahmen: Steuersenkungen auf Energieprodukte als temporäre Notmaßnahme, gezielte finanzielle Unterstützung einkommensschwacher Haushalte und ein Tempolimit auf Autobahnen zur Reduktion des Ölverbrauchs. Zusätzlich könnte ein günstigerer oder kostenloser öffentlicher Nahverkehr zum Umstieg auf Bus und Bahn anregen.
Deutschland und andere EU-Länder sollten laut Birol nicht wieder großflächig Öl und Gas aus Russland importieren. Europa müsse sich aus der Gasabhängigkeit lösen, insbesondere beim Heizen, und die Bevölkerung durch Anreize und transparente Informationen zum Umstieg auf alternative Technologien wie Wärmepumpen motivieren.
„Europas Zukunft liegt in der Elektrifizierung des Energiesystems“
Birol betont die Bedeutung der Elektrifizierung des Energiesystems in Europa. „Je stärker wir auf in Europa erzeugten Strom bauen, je mehr Verbrenner wir durch Elektroautos und Elektro-Lkw ersetzen, desto unabhängiger werden wir von Importen fossiler Rohstoffe“, betont der IEA-Chef. „Es geht hier nicht nur um die Umwelt. Europas wirtschaftliche Sicherheit, Europas politische Souveränität, Europas Zukunft liegen in der Elektrifizierung des Energiesystems.“
Deutschland habe einen strategischen Fehler begangen, als es Kernkraftwerke abschaltete, die zuverlässig Strom lieferten, kritisiert Birol. Sogenannte Small Modular Reactors könnten eine zukünftige Option sein – also neuartige, kleinere modulare Atomkraftwerke. Zugleich werde der Ausbau erneuerbarer Energien durch die Krise beschleunigt.
„Die erneuerbaren Energien werden besonders von dieser Krise profitieren. In Europa hat sich der jährliche Ausbau der regenerativen Energien schon nach Russlands Invasion der Ukraine verdreifacht“, so Birol. „Nun werden Regierungen rund um den Globus den Ausbau der regenerativen Energien massiv unterstützen – nicht nur finanziell, sondern auch durch vereinfachte Genehmigungsverfahren und andere Mittel. So hart diese Krise uns alle trifft: Womöglich leitet sie ein neues Kapitel der globalen Energiewirtschaft ein. Das gibt mir Hoffnung.“

Future meint
Mal sehen, welche Ideen die Regierung hat, falls Diesel und Kerosin knapp werden sollten. Ein günstiger Preis führt ja sicherlich nicht dazu, dass weniger verbraucht wird von dem beliebten Saft.
Steffen meint
„„Die erneuerbaren Energien werden besonders von dieser Krise profitieren. In Europa hat sich der jährliche Ausbau der regenerativen Energien schon nach Russlands Invasion der Ukraine verdreifacht“, so Birol. „Nun werden Regierungen rund um den Globus den Ausbau der regenerativen Energien massiv unterstützen – nicht nur finanziell, sondern auch durch vereinfachte Genehmigungsverfahren und andere Mittel.“
Ja, andere Regierungen – aber halt nicht unsere. Die versucht ja gerade die EE abzuwürgen wo es nur geht. :-(
M. meint
Eben in den Nachrichten: die Koalition (im Bild war passenderweise Söder) einigt sich darauf, die Steuern auf fossile Kraftstoffe um 17 ct. zu senken.
Wenn (falls…) die Mineralölkonzerne diese Steuersenkung weitergeben würden (und das wird man noch sehen), fallen die Preise also um 17 ct. und machen Verbrenner wieder attraktiver.
Fallen sie z.B. nur um 10 ct., stecken die Konzerne entgangenes Steuergeld in die eigene Tasche.
Ich habe gar keine Lust, das weiter zu kommentieren.
Futureman meint
Also kann Söder für weitere 2 Monate seine Wasserstoffträume behalten. Wer schlau ist, setzt weiter aufs günstigere E-Auto.
Till meint
Lernresistente Regierung, hier speziell Söder, der das mit Reiche durchgeboxt hat.
…wie war das nochmal 2022?