Die Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) hat den Aktionsplan der Europäischen Kommission zur Elektrifizierung ausführlich geprüft. Die EU-Kommission stellt darin die direkte Elektrifizierung des Verkehrs und weiterer Sektoren in den Mittelpunkt. T&E bewertet die vorgesehenen Maßnahmen für Elektrofahrzeuge, Stromnetze, Lkw, Schifffahrt und Luftfahrt und formuliert zusätzliche Forderungen.
Steigende Verkäufe elektrischer Autos, Transporter, Busse, Lkw, Schiffe und Flugzeuge gelten als Indikator für sinkende Emissionen im Straßenverkehr und eine geringere Abhängigkeit von fossilen Importen. T&E bezeichnet die Elektrifizierung als den klarsten Weg, den Energiebedarf und die Energiepreise zu senken sowie Europas Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Elektroautos als Speicher für das Stromnetz
Elektrofahrzeuge sollen als „Batterien auf Rädern“ zusätzliche Flexibilität für die europäischen Stromnetze bereitstellen. Bei viel Wind und Sonne erzeugter Strom könnte in Fahrzeugen gespeichert und später wieder genutzt werden. Vorgesehen sind regulatorische Testräume für Vehicle-to-Grid (V2G), neue Netzkodizes sowie eine Förderung intelligenter und bidirektionaler Ladevorgänge über die Netzentgelte.
Die Kommission will eine rechtliche Grundlage schaffen, um intelligente und bidirektionale Ladefunktionen für neue Elektroautos vorzuschreiben. Ein Vorschlag mit V2G-Anforderungen soll bis Ende 2027 entwickelt werden. T&E fordert bidirektionale Bordladegeräte in allen Elektroautos und verweist auf Kosten von rund 500 Euro für einfache unidirektionale sowie mindestens 4000 Euro für externe bidirektionale Lader.
Durch geänderte europäische Strommarktregeln sollen Netzbetreiber neben neuen Leitungen auch Batterien, Flexibilitätsangebote, Digitalisierung und V2G berücksichtigen. Die Berechnung der Netzentgelte soll transparenter werden, während ACER – die EU-Behörde, die die Energieregulierungsbehörden beaufsichtigt – bewährte Tarifmethoden und Indikatoren für intelligente Netze veröffentlichen soll. Die EU-Staaten sollen bis 2031 eine Smart-Meter-Abdeckung von 50 Prozent und bis 2034 von 65 Prozent erreichen.
Vorgaben für Pkw und schwere Nutzfahrzeuge
Für Pkw hebt der Aktionsplan rein batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) als Instrument für die Energiesouveränität hervor. Nach Angaben von T&E verhinderten BEV im Jahr 2025 Ölimporte im Wert von 4,1 Milliarden Euro. Geplant sind Hinweise zum „Social Leasing“, eine Überprüfung der Richtlinie über saubere Fahrzeuge sowie fiskalische und nichtfiskalische Kaufanreize, deren Anwendung auf private und gewerbliche Pkw noch unklar ist.
Unternehmensflotten stehen besonders im Fokus, da sie 60 Prozent der Neuwagenverkäufe ausmachen und einen Markt für gebrauchte Elektroautos aufbauen sollen. T&E fordert verbindliche Elektrifizierungsziele für große Flotten, ein europäisches Social-Leasing-Modell und die Beibehaltung des Ziels von 100 Prozent emissionsfreien Neuwagen ab 2035. Zudem fehlt nach Einschätzung der Organisation eine feste Frist für das Ende steuerlicher Abschreibungen auf fossil betriebene Firmenwagen.
Bei Lkw soll ein EU-weites Elektrifizierungsziel den Absatz batterieelektrischer Modelle unterstützen und als Orientierung für spätere Vorgaben dienen. Für öffentlich zugängliche Ladeinfrastruktur für schwere Nutzfahrzeuge ist ein Mechanismus zur Risikominderung angekündigt. Bis 2040 sollen ausreichende Netzanschlüsse für öffentliches Laden und Depotladen vorhanden sein, damit 40 Prozent der europäischen Lkw-Flotte elektrifiziert werden können.
T&E verlangt gemeinsame Mindestanforderungen für halböffentliche Depotladepunkte, eine mögliche Förderung über die Alternative Fuel Infrastructure Facility und ihre Einbeziehung in die AFIR-Ziele (Alternative Fuels Infrastructure Regulation). Die Organisation fordert außerdem, die CO₂-Ziele für schwere Nutzfahrzeuge nicht weiter abzuschwächen. Große Verlader sollen durch verbindliche Beschaffungsziele stärker für die Dekarbonisierung der von ihnen beauftragten Transporte verantwortlich werden.
Elektrifizierung von Schifffahrt und Luftfahrt
In der Schifffahrt konzentriert sich der Aktionsplan auf Landstromanlagen in Häfen und die bevorstehende Überprüfung der AFIR. Bis 2040 soll ausreichend Infrastruktur für den batterieelektrischen Betrieb eines Drittels der europäischen Fähren bereitgestellt werden. T&E vermisst konkrete Maßnahmen zur Elektrifizierung, zur Vergleichbarkeit von Landstrompreisen und zum Abbau von Hindernissen für Fähren und Binnenschiffe.
In der Luftfahrt erkennt die Kommission die Elektrifizierung neben nachhaltigen Flugkraftstoffen als Bestandteil der Dekarbonisierung an. Vorgesehen sind ein Pilotprogramm für Praxistests und eine stärkere Berücksichtigung von Flughäfen bei der Netzplanung. T&E fordert konkrete Verpflichtungen, langfristige Orientierungsziele für elektrische Flugzeuge, eine europäische Industrieallianz und Instrumente zur finanziellen Absicherung von Zertifizierungsprogrammen.

Ihre Meinung