Udo Dinglreiter, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, warnt im Interview mit der Zeit vor einer tiefgreifenden Krise der deutschen Industrie. Die Metall- und Elektroindustrie, die etwa zwei Drittel der gesamten Industrieproduktion ausmacht, verzeichnete seit 2019 einen Verlust von 300.000 Arbeitsplätzen. Monatlich würden zudem weitere rund 10.000 Stellen abgebaut. „Die Werke sind heute zu gering ausgelastet, Tausende Jobs stehen auf der Kippe“, so der Lobbyist.
Die wirtschaftliche Lage ist durch eine anhaltende Rezession geprägt. Seit 2019 stagniert das Wachstum, und die Wirtschaftsleistung verharrt auf einem Niveau, das weitgehend dem Stand von vor sechs Jahren entspricht. Dinglreiter sieht den industriellen Kern des Landes, insbesondere die Automobilindustrie sowie den Maschinen- und Anlagenbau, in seinem Geschäftsmodell gefährdet.
Ein deutlicher Rückgang der Produktion ist bei der Automobilherstellung zu beobachten: Während im Jahr 2015 noch 5,7 Millionen Fahrzeuge in Deutschland produziert wurden, sank diese Zahl zehn Jahre später auf 4,1 Millionen. Große Unternehmen verlagern Teile ihrer Produktion und Entwicklung ins Ausland, während mittelständische Betriebe schließen können.
Ein weiteres Problem stellt die Investitionsschwäche dar. Die aktuellen Investitionen der Unternehmen reichen nicht aus, um die Substanz zu erhalten, da sie geringer sind als die Abschreibungen für alte Maschinen und Anlagen. Dies führt zu einer potenziellen Veraltung der Produktionstechnik und schwächt die Wettbewerbsfähigkeit.
Als Ursachen für den Strukturwandel nennt Dinglreiter globale Rahmenbedingungen wie den Ukrainekrieg, den Irankrieg sowie amerikanische Zölle. Zudem stehe die deutsche Industrie in einem intensiven Wettbewerb mit China, dessen Industriepolitik jahrelang die Automobilindustrie, den Maschinenbau und die Elektroindustrie durch staatliche Förderung gefördert habe. Weil es in dem Land nun ein Überangebot gebe, drängten die dortigen Firmen mit ihren günstigen Preisen auch ins Ausland.
„Vier Plagen“
Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit fordert der Verbandschef eine Senkung der Kostenstrukturen. Er identifiziert vier zentrale Belastungsfaktoren, die er als „vier Plagen“ bezeichnet: hohe Bürokratiekosten, hohe Energiekosten, hohe Arbeitskosten und eine hohe Steuerlast.
Dinglreiter sagt, dass Deutschland durch hohe Produktivität und technischen Vorsprung früher Kosten ausgleichen konnte, dies jedoch angesichts der veränderten Marktbedingungen nicht mehr möglich sei. Er fordert von der Politik ernsthafte Reformen zur Senkung dieser Kosten.
„Und wenn Sie sich zum Beispiel die aktuellen Automodelle anschauen, dann ist Deutschland da gerade wieder sehr gut unterwegs“, meinte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. „Ich glaube, an der Innovationskraft liegt es nicht. Aber die Frage ist, wo die innovativen Produkte am Ende gebaut werden – wenn die Kosten an anderen Standorten günstiger sind. Das ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen.“
Ohne politische Gegenmaßnahmen warnt Dinglreiter vor einer weiteren wirtschaftlichen Abwärtsspirale, die zu weiterem Stellenabbau und der Verlagerung weiterer Industriezweige in andere Länder führen könnte.

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