Steigende Energie- und Kraftstoffpreise verändern bereits spürbar das Verhalten der Verbraucher in Deutschland, lösen aber offenbar nicht automatisch Investitionen in klimafreundlichere Energielösungen aus. Laut einer repräsentativen Umfrage der Beratung BearingPoint geben 38 Prozent der Befragten an, aufgrund der Energie- und Kraftstoffpreise der vergangenen zwölf Monate weniger Auto zu fahren.
Gleichzeitig nutzt rund jeder vierte Befragte häufiger Alternativen: 11 Prozent nutzen häufiger den öffentlichen Nahverkehr, 13 Prozent das Fahrrad und 4 Prozent häufiger ein E-Auto. 42 Prozent der Befragten berichten, dass die Energie- und Kraftstoffpreise keine Auswirkungen auf ihr Mobilitätsverhalten hatten.
Kein schneller Umstieg auf klimafreundlichere Energielösungen
Die Umfrage zeigt allerdings auch, dass ein schneller flächendeckender Umstieg auf klimafreundlichere Energielösungen für viele Verbraucher derzeit nicht geplant ist. 53 Prozent der befragten Menschen in Deutschland geben an, in den nächsten zwei Jahren weder im Bereich Mobilität noch beim Heizen klimafreundlichere Energielösungen nutzen zu wollen. 15 Prozent planen einen Umstieg im Bereich Mobilität, etwa auf E-Auto oder Hybrid, und 11 Prozent planen einen Umstieg im Bereich Heizen, etwa auf Wärmepumpe oder Fernwärme.
Hierbei zeigen sich deutliche Unterschiede nach Einkommen. Im unteren Einkommensdrittel planen nur 5 Prozent einen Umstieg im Bereich Mobilität und 4 Prozent im Bereich Heizen. Im oberen Einkommensdrittel sind es 21 Prozent bei der Mobilität und 16 Prozent beim Heizen.
„Das bedeutet: Die fossile Nachfrage verschwindet nicht abrupt“, so BearingPoint. „Sie bleibt am längsten dort bestehen, wo Kapital und Alternativen fehlen. Ablesbar ist das an weiterhin über 19 Millionen Öl- und Gasheizungen im Bestand, deren Zahl nur langsam zurückgeht. Öl und Gas werden damit planbar und über einen längeren Zeitraum gebraucht.“
Die Umfrage zeigt damit laut den Studienautoren eine zentrale Herausforderung der Energietransformation: Preisänderungen führen meist schneller zu Verhaltensanpassungen als zu strukturellen Investitionsentscheidungen. Verbraucher können kurzfristig auf höhere Kosten reagieren, indem sie weniger Auto fahren, nicht notwendige Mobilität vermeiden oder häufiger auf ÖPNV und Fahrrad ausweichen. Der Schritt zu klimafreundlicheren Investitionen, etwa in E-Mobilität oder klimafreundlichere Heizsysteme, ist dagegen mit deutlich mehr Voraussetzungen verbunden und hängt stärker von Einkommen, Wirtschaftlichkeit und verfügbaren Alternativen ab.
„Verbraucherinnen und Verbraucher reagieren auf steigende Energiepreise unmittelbar. Der Schritt vom Sparen zum Investieren fällt jedoch deutlich schwerer. Ob sich klimafreundliche Energielösungen durchsetzen, hängt deshalb vor allem von ihrer Wirtschaftlichkeit ab. Aus Unternehmensperspektive werden vergleichbare, bezahlbare, verlässliche und kundengerechte Angebote zum entscheidenden Erfolgsfaktor der Transformation“, sagt Nina London, Partnerin bei BearingPoint.
Rund 1/3 sieht Risiken oder Engpässe bei der Energieversorgung
Im Rahmen der Umfrage hat BearingPoint auch untersucht, wie die Menschen in Deutschland das Thema Versorgungssicherheit beurteilen. Demnach halten 57 Prozent der Befragten die Energieversorgung der kommenden fünf Jahre für sicher. Allerdings sehen 40 Prozent diese Sicherheit nur mit Einschränkungen, rund ein Viertel rechnet mit Risiken und jeder Zehnte mit Engpässen. Zusammengenommen sieht damit rund ein Drittel der Befragten Risiken oder Engpässe bei der Energieversorgung.
Bemerkenswert ist das laut den Beratern vor dem Hintergrund der tatsächlichen Lage: Die physische Versorgung war auch in angespannten Phasen durchgehend gewährleistet. Von der Gasmangellage 2022 bis zu den jüngsten geopolitischen Spannungen kam es zu keinem Zeitpunkt zu einer Rationierung der Energieversorgung oder Abschaltung von Verbrauchern. Spürbar wurde die Belastung nicht an leeren Tanks, sondern an Preisen und Kosten.
Genau darin liegt laut BearingPoint das Muster, das die Umfrageergebnisse sichtbar machen: Wahrgenommene Sicherheit ist heute weniger eine Frage physischer Verfügbarkeit als von Preis, Kosten und Vertrauen. Das zeigt sich auch in der Verteilung: Im oberen Einkommensdrittel fühlen sich 64 Prozent sicher, im unteren nur 45 Prozent.
Für den Öl- und Gasmarkt heißt das der Analyse zufolge: Resilienz bemisst sich nicht allein an Versorgungsmengen. Eine sinkende fossile Nachfrage erhöht die Sicherheit nicht automatisch. Sie kann den wirtschaftlichen Druck auf die Infrastruktur, die diese Versorgung trägt, sogar verstärken.
Resilienz wird zur Investitions- und Steuerungsfrage
Aus Sicht von BearingPoint entsteht die zentrale Herausforderung aus der Gleichzeitigkeit mehrerer Entwicklungen: Fossile Märkte schrumpfen langfristig, verschwinden aber nicht abrupt. Gleichzeitig müssen Netze, Lieferketten, Speicher, Raffinerie- und Vertriebsstrukturen zuverlässig weiterbetrieben werden. Unternehmen stehen damit vor der Aufgabe, kritische Infrastruktur für eine lange Übergangsphase zu sichern, während die wirtschaftliche Grundlage dieses Marktes perspektivisch abnimmt.
Damit verschiebe sich die Resilienzfrage im Öl- und Gasmarkt. Es gehe nicht nur darum, kurzfristige Engpässe zu vermeiden, sondern darum, den Übergang wirtschaftlich, technisch und gesellschaftlich tragfähig zu gestalten. Energieunternehmen müssten stärker segmentieren, welche Kundengruppen wann umsteigen können, welche weiterhin auf fossile Energieträger angewiesen sind und welche Investitionen notwendig bleiben, um Versorgungssicherheit auch in der Übergangsphase zu gewährleisten.
„Die zentrale Frage lautet, wie kritische Infrastruktur in einer langen Übergangsphase wirtschaftlich, resilient und investierbar bleibt. Unternehmen müssen deshalb deutlich stärker steuern, welche Assets modernisiert, transformiert oder verkauft werden. Resilienz wird damit zunehmend zu einer Investitions- und Steuerungsfrage“, so London.

Karsten meint
🙄 Tja sparen muss man sich leisten können, für diese Erkenntnis braucht es keine Umfrage.