Der frühere Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess fährt nach eigenen Angaben überwiegend elektrisch, nutzt häufig die Bahn und in München meist das Fahrrad. Seinen Ferrari bezeichnet er im Interview mit der Frankfurter Rundschau als einen seiner letzten Verbrenner und will ihn verkaufen. Für die künftige Mobilität erwartet er ein Zusammenspiel von Fahrrad, öffentlichem Verkehr und sauberen, leisen Autos. Motorisierte Mobilität werde dabei überall dort elektrisch sein, wo ein Motor gebraucht werde.
Heute ist Diess unter anderem Verwaltungsratsvorsitzender des Energie- und Technologieunternehmens The Mobility House. Elektroautos misst er entsprechend eine zentrale Rolle als Stromspeicher bei. Schon mit den gut zwei Millionen E-Fahrzeugen auf deutschen Straßen lasse sich ein erheblicher Teil des tagsüber erzeugten Solarstroms in Abend und Nacht verschieben, ohne die Nutzung der Fahrzeuge wesentlich einzuschränken. Besitzer könnten bei niedrigen Preisen laden und Energie später ins Haus oder Netz zurückgeben, wenn Strom teurer sei. Perspektivisch könnten „Vehicle-to-Grid“-Einnahmen (V2G) ermöglichen, weil die Batterie dem Stromsystem Flexibilität zur Verfügung stelle.
Für bidirektionales Laden wird nach Diess’ Angaben eine Wallbox für rund 2000 Euro benötigt, ein Produkt von The Mobility House werde ab 2027 verfügbar sein. Nach Berechnungen des Unternehmens könne sich die Wallbox innerhalb von etwa einem Jahr amortisieren, wobei der tatsächliche Ertrag unter anderem von Fahrzeug, Stromtarif, Standzeiten und Solaranlage abhänge. Erste Anwendungen erwartet Diess ab Anfang 2027, einen deutlichen Hochlauf im Laufe des Jahres und Volumenwachstum 2028. Viele neue E-Autos seien technisch bereits dafür vorbereitet.
Als Hemmnis nennt Diess der Frankfurter Rundschau regulatorische Vorgaben, darunter die geplante Begrenzung der Einspeiseleistung von elektrischen Autos und Solaranlagen auf die Hälfte ihrer installierten Leistung. Er argumentiert, dass Strom gespeichert werde, wenn er im Netz reichlich vorhanden und günstig sei, und erst bei Knappheit und höheren Preisen zurückgespeist werde. Den Wandel zum Elektroauto hält er für nicht aufzuhalten, weil elektrische Systeme „viel effizienter“ seien.
Bidirektionales Laden Chance für deutsche Autoindustrie
Diess spricht sich dafür aus, am EU-Ziel festzuhalten, ab 2035 neue Autos mit fossilem Verbrennungsmotor zum Auslaufmodell zu machen. Für die deutsche Autoindustrie sieht er im bidirektionalen Laden eine mögliche Chance, weil dafür Wallbox, Energiehandel, ein technisch vorbereitetes Fahrzeug und passende Software zusammenspielen müssten. Deutschland verfüge dabei über die industrielle Kette von Halbleitern über Ladegeräte und Stromnetze bis zu Fahrzeugen. Zugleich beschreibt er den Wettbewerb als härter geworden und verweist auf den Preisdruck durch chinesische Hersteller.
Bei den Stromkosten sieht Diess vor allem die Netzentgelte als Problem. Er nennt Netzgebühren von zehn Cent oder mehr pro Kilowattstunde in Deutschland und verweist auf mehr als 800 Netzbetreiber – deren Zahl müsse sinken. Zugleich plädiert er für einen maßvolleren Netzausbau und eine stärkere Nutzung lokaler Speicher. „Wir müssen vorhandene Batterien nutzen, statt immer neue Netze und fossile Kraftwerke zu bauen.“
Für 2050 erwartet Diess ein weitgehend elektrisches System, „wahrscheinlich schon deutlich früher“. Er rechnet mit günstigeren Kosten für Autos, Lastwagen und Landmaschinen sowie mit weniger CO₂, keinen Stickoxiden aus Dieselmotoren und weniger Lärm. Autonome Systeme könnten nach seiner Einschätzung bis 2030 wesentlich sicherer fahren als der durchschnittliche Mensch. Trotz autonomer Fahrzeuge erwartet Diess, dass viele Menschen weiterhin ein eigenes Auto besitzen wollen.

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