Wolfram Remlinger, Professor für Interior Design Engineering an der Universität Stuttgart, analysiert im Gespräch mit der Automobilwoche die aktuellen Entwicklungen im Fahrzeuginnenraum. Der Interieur-Experte, der zuvor unter anderem bei Audi tätig war, beschreibt den Wandel des Autos hin zu einem sogenannten „Third Place“. Durch automatisiertes Fahren könnten neue Raumkonzepte entstehen, die das Fahrzeug als Ort für Arbeit oder soziale Aktivitäten nutzen.
Im Bereich der Material- und Technologietrends sind laut Remlinger LED-Technologien zur Beleuchtung sowie eine Tendenz zu organischen und recycelbareren Materialien etabliert. Während Kunststoffbauteile aufgrund ihres geringen Gewichts zur Kraftstoffreduzierung beitragen, wächst das Interesse an nachhaltigen Lösungen. Parallel dazu nimmt die Mediennutzung im Fahrzeug durch „Always-on“-Technologien stetig zu.
Die Entwicklung hin zum autonomen Fahren wird dem Experten zufolge langfristig strategische Veränderungen bewirken. Es könnten Shuttle-ähnliche Fahrzeuge entstehen, die zwischen Pkw und Bus angesiedelt sind und von mehreren Personen gemeinsam genutzt werden. Aktuelle Beispiele für erweiterte Innenraumkonzepte finden sich bei asiatischen Herstellern wie Zeekr mit dem Minivan 009, während solche Konzepte in Europa bisher weniger verbreitet sind.
Deutsche Autobauer keine Interieur-Vorreiter mehr
Remlinger sieht eine Verschiebung der wirtschaftlichen und technologischen Bedeutung in Richtung Asien. Er kritisiert, dass europäische Hersteller ihre Rolle als Vorreiter verloren hätten. Die Branche sei durch hohe Investitionen in die Elektromobilität und den Wettbewerb durch günstigere lokale Marken in China verunsichert. Dies führe dazu, dass deutschen Unternehmen der Mut für erste Markteinführungen von Neuheiten fehle.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Bedienkonzepte. Die breite Kritik an der Umstellung auf reine Touch-Bedienung war nach Ansicht von Remlinger absehbar. Er sieht hier eine Rückkehr zu mehr Haptik und Tasten als notwendige Reaktion auf die Erwartungen der Kunden. Zudem sei eine intensivere Modellpflege durch Software-Updates erforderlich, um besser auf Kundenbedürfnisse einzugehen.
Das Interieur-Design fungiere als Faktor für die Kundenbindung, während das Exterieur primär neue Kunden gewinne, erklärt Remlinger. Bei künftigen Mobilitätsdiensten, in denen Fahrzeuge vermehrt gemietet statt besessen werden, könne die Bedeutung des Exterieur-Designs abnehmen.
„Die Autobauer möchten möglichst viele Gleichteile und wenig Varianz sicherstellen. Andererseits gibt es auch die lokalen Importeure und Vertriebsgesellschaften, die ihren unterschiedlichen Zielgruppen spezielle Funktionen bereitstellen wollen“, so der Branchenkenner. Die Integration lokaler Navigationssysteme oder Streaming-Dienste sei notwendig, da Fahrzeughersteller in vielen Märkten nicht mehr die dominanten Anbieter seien.
Für die Zukunft wünscht sich Remlinger eine stärkere Differenzierung der Innenraumkonzepte statt einer Annäherung der Modelle. Fahrzeuge sollten stärker auf spezifische Nutzungszwecke und Persönlichkeiten zugeschnitten sein. Zudem solle ein kostengünstiger Austausch von Modulen, Funktionen sowie Upgrades möglich werden.

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