William Todts, Executive Director der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E), hält es für zu spät, eine tiefgreifende Umstrukturierung der deutschen Autoindustrie zu verhindern. Dennoch sieht er noch Zeit, der Branche eine vielversprechende Zukunft zu sichern. Dafür müsse die Bundesregierung ihre bisherige Strategie ändern.
Als oberste Priorität ist es laut Todts, die Nachfrage nach deutschen Autos im Kernmarkt Europa wieder anzukurbeln. Die Verkaufszahlen liegen dort noch immer mehr als zwei Millionen Fahrzeuge unter dem Höchststand von 2019. Die staatliche Elektroauto-Kaufprämie bezeichnet der Experte als wirksames Instrument zur Vergrößerung des Marktvolumens.
Nach der Wiederauflage der deutschen E-Auto-Prämie stieg der Anteil der Stromer im Juni auf 28 Prozent der Neuzulassungen. Zugleich wuchs der deutsche Gesamtmarkt um mehr als 15 Prozent. „ Der E-Auto-Hochlauf führt also genau zu dem, was die Industrie fordert: ein höheres Marktvolumen“, so Todts. „Trotzdem muss die Bundesregierung mehr tun, damit die neuen E-Autos auch Arbeitsplätze in Deutschland und Europa sichern. Aktuell macht sie das Gegenteil.“
Todts kritisiert, dass die Bundesregierung den EU-Vorschlag, Subventionen und Kaufprämien auf in Europa hergestellte E-Autos zu beschränken, praktisch nicht unterstütze. Besonders bei gewerblich zugelassenen Fahrzeugen werde ein Schwerpunkt auf „Made in EU“ blockiert, während die deutsche Kaufprämie auch in China produzierte Elektroautos fördere.
Zweiter Schwerpunkt ist Todts zufolge Klarheit über den Begriff der Wettbewerbsfähigkeit. Die Autos der Zukunft seien elektrisch, autonom und softwaredefiniert, Deutschland sei jedoch in keiner dieser Technologien führend. Ohne ernsthafte Unterstützung bei dieser Transformation schafft sich das Land nach seiner Einschätzung selbst als Autonation ab.
Bei Batterien verweist Todts auf Chinas Ausbau seiner weltweiten Dominanz in den Lieferketten. Trotz der Insolvenz des ambitionierten, staatlich unterstützten Akku-Start-ups Northvolt dürfe Deutschland ein wichtiges Technologiefeld nicht wegen einer gescheiterten Förderung aufgeben. Die Volkswagen-Batterietochter PowerCo baue ihre Produktion wegen weitgehend fehlender Unterstützung der Bundesregierung vor allem im Ausland aus.
Auch die deutsche Haltung zu den europäischen CO₂-Flottengrenzwerten kritisiert Todts. Eine Anpassung des Gesetzes könne aus Sicht einer Merz-CDU nachvollziehbar sein. Den wichtigsten Motor der Elektrifizierung in der EU vollständig zu zerstören, bezeichnet er jedoch als „Wahnsinn“, insbesondere angesichts wiederkehrender Ölkrisen.
Als dritten Punkt fordert Todts einen Plan für Automobilregionen und Beschäftigte nach dem Vorbild des Kohleausstiegs. Ein umfangreiches Investitionsprogramm solle besonders Regionen unterstützen, deren Automobilwirtschaft stark vom Verbrennungsmotor abhängt. Es gebe viele Möglichkeiten für neue Unternehmen und Jobs, insbesondere in Branchen, die für die Zukunft der deutschen Automobilindustrie entscheidend sind. Von Robotik über E-Motoren und neue Batteriechemien fehle es Deutschland nicht an Start-ups und Ideen, um eine führende Rolle in der Autowirtschaft der Zukunft zu spielen.
„Wenn es ein Land gibt, das sich das leisten kann und diese Investitionen tatsächlich braucht, dann ist es Deutschland“, sagt Todts. „Es ist zu spät, um eine tiefgreifende Umstrukturierung der deutschen Automobilindustrie zu verhindern, aber nicht, um der Branche eine vielversprechende Zukunft zu sichern. Wenn nur die deutsche Regierung dabei helfen würde.“

David meint
Das ist ja offenkundig ausschließlich eine Regierungskritik und gar keine Kritik an den Fahrzeugherstellern. Ich wusste gar nicht, dass T & E bei den nächsten Wahlen antreten möchte.
M. meint
Ich hätte noch einen vierten Punkt:
Das Prinzip „Gewinne privatisieren, Verluste vergesellschaften“ is over.
Die Autoindustrie wird stellenweise Unterstützung brauchen, um die (teilweise selbst verschuldet, aber teilweise auch politisch gewollt) verschleppte Transformation zu bewältigen.
Aber die eine Hand aufhalten, und mit der anderen Hand Dividende und Boni verteilen – das ist nicht drin. Die Gesellschaft kann das stützen, aber das ist als Kredit zu verstehen, nicht als Geschenk.
Das wird einige Jahre dauern. Die Anteilseigner, die bei Grundsatzentscheidungen mitgewirkt haben, haben nun ihren Anteil zu leisten und auf Gewinne für die nächsten Jahren zu verzichten.
Entweder so – oder gar nicht.