Sebastian Bock, Geschäftsführer der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) in Deutschland, macht das Management der deutschen Automobilindustrie für deren Krise verantwortlich. Die Vorstandsentscheidungen der vergangenen zehn Jahre hätten zu teuren Fahrzeugen, hohen Ausschüttungen und unzureichenden Investitionen geführt. Die daraus entstehenden Belastungen würden nun den Belegschaften und der Europäischen Union zugeschrieben.
Gewinnwarnungen und schrumpfende Margen gehen mit drohenden Jobverlusten einher, besonders in Deutschland. Nachdem zunächst vor allem Zulieferer betroffen waren, planen inzwischen auch Hersteller einen Stellenabbau. In Vorstandsetagen und Teilen des politischen Berlins werden hohe Arbeitskosten sowie die europäischen CO₂-Flottengrenzwerte und das zwischenzeitlich in der EU angedachte „Verbrenner-Aus“ 2035 als Gründe genannt.
Bock weist beide Erklärungen zurück und verortet die Verantwortung in den Chefetagen der Fahrzeughersteller. Noch drei Jahre zuvor erwirtschafteten europäische Hersteller mehr als 40 Prozent der weltweiten Gewinne der Autoindustrie. Allein 2023 erzielten sie fast 100 Milliarden Euro Gewinn.
Hohe Gewinne, teure Modelle und zu geringe Investitionen
Nach der Corona-Pandemie reduzierten Hersteller während der Chipkrise die Stückzahlen, investierten stärker in das Premiumsegment und erhöhten die Preise. Von der durchschnittlichen Verteuerung französischer Neuwagen um rund 6800 Euro zwischen 2020 und 2024 entfiel ein Viertel auf höhere Energie-, Rohstoff- und Arbeitskosten. Drei Viertel gingen auf die Premiumstrategie und die Preissetzungsmacht zurück.
Mercedes wollte Einsteigermodelle auslaufen lassen und sich stärker auf Luxusfahrzeuge konzentrieren, während Volkswagen eine „value-over-volume“-Strategie ankündigte. Für einen durchschnittlichen Neuwagen waren 1974 etwa fünf Monatsgehälter erforderlich, 2024 dagegen knapp zehn bis zwölf. Gleichzeitig zahlte Mercedes 2024 die höchste Dividende aller DAX-Konzerne, während Volkswagen von 2021 bis 2023 knapp 22 Milliarden Euro ausschüttete.
Gemessen an ihren Gewinnen investierten europäische Hersteller weniger als Konkurrenten aus China, Japan und den USA. Während deutsche und europäische Konzerne hohe Gewinne erzielten, entwickelte die chinesische Konkurrenz neue, bezahlbare und technisch überlegene Elektroautos. Solche Fahrzeuge fehlen deutschen Herstellern nach Bocks Darstellung in Europa, Deutschland, China und weiteren Auslandsmärkten.
Eine Deloitte-Befragung ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten für ihr nächstes Auto weniger als 30.000 Euro ausgeben möchte. Der Mangel an erschwinglichen Elektroautos zeigt sich zudem am überproportionalen Anteil chinesischer Hersteller an der neuen deutschen Kaufprämie. Dass deutsche und europäische Hersteller inzwischen stärker im Volumensegment aktiv werden, geschieht nach einer Studie von T&E wegen der Brüsseler Flottengrenzwerte.
„Die Krise der deutschen Autoindustrie ist real. Aber sie ist die Rechnung für ein Jahrzehnt von Vorstandsentscheidungen: (zu) teure Autos und Dividenden statt Investitionen“, so Bock. „Diese Rechnung an die Belegschaft oder nach Brüssel zu schicken, ist keine Industriestrategie. Es ist eine Ausrede.“

Michael meint
DANKE! Endlich sagt es mal jemand in aller Deutlichkeit. Ich würde ihm da uneingeschränkt recht geben. Weder bin ich grandios bezahlter Manager, noch besitze ich eine Glaskugel, aber die aktuelle Krise war sowas von absehbar. Das Geschrei, welches jetzt laut wird natürlich ebenfalls.
Vor kurzem erzählte mir ein Kontakt aus der Autoindustrie, wie lange die deutschen Hersteller das Thema E-Mobilität schon vor sich herschieben. Die A-Klasse war als E-Auto gedacht, in letzter Sekunde aber gestrichen. Ohne Akkus im Unterboden war dann der Schwerpunkt zu hoch -> #Elchtest
Es ist echt unfassbar, was sich die ehemaligen und die aktuellen Manager da erlauben. Dass denen das nicht peinlich ist, sich über solch eine vorhersehbare Entwicklung bei Mutti Staat so bitterlich zu beschweren… nebenbei aber siebenstellige Gehälter abgreifen. WAS ist denn bitte deren Aufgabe? Das Geschäftsmodell so weiterzuentwickeln, dass das Unternehmen auch noch in einigen Jahren gut aufgestellt ist. Wenn es nun unvorhersehbare Entwicklungen gegeben hätte, würde ich ja ein Minimum an Verständnis aufbringen.
Aber erst mit Betrugssoftware die Kunden hinters Licht führen, dann während Corona Unterstützung einsammeln und dennoch Dividenden ausschütten und dann ein paar Jahre später über fehlenden Kunden-Loyalität und diese überraschenden Entwicklungen jammern… das ist echt mein Humor.
Powerwall Thorsten meint
Schön zusammengefasst, ja das beschreibt das Debakel und die eigentlichen Gründe ziemlich gut.
Die Frage, die sich stellt ist natürlich die nach den Lösungen.
Die Antworten mit teurer 800 V Technik und Akkugrößen jenseits der 100 Kilowattstunden verhelfen leider nur zum Sieg im Autoquartett.
MK meint
T&E sehe ich ja oft eher kritisch, aber hier muss ich ihnen in weiten Teilen recht geben: Fast jeder Konzern streicht seine jeweils kleinsten Modelle und die dann neuen „kleinsten“ werden immer größer. Letzte Woche kam z.B. die Meldung, dass der neue GLA als „kleinstes“ SUV der Marke in der neuen Generation ganze 16 cm länger wird als noch die vorherige. Der (mittlerweile auch ersatzlos gestrichene) VW up war schon genauso groß wie der Golf 1, der VW ID.Polo ist zumindest länger als der VW Golf 3…und auch ganze 10 cm breiter.
Wenn man sich so letztendlich aus ganzen Marktbereichen zurückzieht, darf man sich nicht wundern, wenn andere diese Bereiche übernehmen.
Was bei den „alten“ Herstellern im Gegensatz zu „neuen“ wie Tesla und Co, die ebenfalls nur größere, margenträchtigere Segmente bedienen, keiner der Manager bedacht zu haben scheint: Man hat die Werke und das Personal für große Mengen Kleinst- und Kleinwagen. Will man sich aus den Segmenten zurückziehen und diese Bereiche abwickeln, kostet alleine das zig Milliarden ohne das Unternehmen im Gegenzug voran zu bringen (die Abfindungen pro Person sind bei deutschen Autokonzernen oft gut sechsstellig…gezahlt dafür, dass die Leute NICHT oder für die Konkurrenz arbeiten). Waren die Manager wirklich so naiv zu glauben, dass die Kunden dann plötzlich alle Goldesel finden und halt größere, besser ausgestattete Fahrzeuge kaufen?
Nur mal so zur Einordnung: Meine Familie kaufte noch 2013 einen neuen Citroen C1 als Fünftürer (ja, da konnte man sogar noch einen 3-Türer wählen…). Neupreis: 7.500 € beim deutschen, niedergelassenen Vertragshändler. Einziges gewähltes Extra: Eine „Radiovorbereitung“. Also Verkabelung, Antenne und zwei (!) Lautsprecher, um überhaupt ein Radio aus dem vorherigen Auto dort einbauen zu können. Was das Auto nicht hatte: elektrische Fensterheber (hinten die Fenster ließen sich sowieso nur einen Spalt aufklappen) oder Spiegelverstellungen, Klimaanlage, eine Drehzahlanzeige (ja, die Drehzahlanzeige des Tachos gab es als aufpreispflichtiges extra…), Zentralveriegelung, umklappbare Rückbank, eine Uhr oder einen höhenverstellbaren Fahrersitz. Von neumodischem Kram wie Sitzheizung, Touchscreen, Navigation, Tempomat, Einparkwarner oder gar Rückfahrkamera usw. fange ich gar nicht erst an.
Was ich mit der langen Auflistung an fehlenden Komponenten sagen will: Viele beschweren sich über die „teurer werdenden“ Autos und machen sich dabei glaube ich gar nicht bewusst, dass heute jedes Auto Dinge in der Serienausstattung hat, die noch vor 15 Jahren längst nicht normal waren…oder wo bekomme ich heute in Deutschland einen Neuwagen eines europäischen Herstellers, bei dem sich Türen nur öffnen, wenn ich wirklich jede einzeln durch Schlüssel einstecken und drehen aufschließe?
Auch Dinge wie Außenspiegel in schwarzem Hartplastik statt in Wagenfarbe findet man heute eher selten.
CaptainPicard meint
Ich weiß noch wie damals nach der Reihe alle Premium-Hersteller angekündigt haben sich auf den hochpreisigen Markt zu fokusieren und Einsteigsmodelle aufzugeben. Jedem Kind wäre sofort klar gewesen dass sich das nicht ausgehen kann wenn das alle tun, weil der potenzielle Markt nunmal begrenzt ist. Aber Manager mit Millionengehälter sind wohl nicht so schlau wie ein Kind.