Ein Abschwächen der EU-Flottengrenzwerte für Pkw könnte 34 Batteriefabriken in der Größe einer Northvolt-Anlage (schwedisches Werk) gefährden. Das geht aus einem neuen Bericht von Transport & Environment (T&E) hervor. Die Umweltorganisation hat die industriellen Opportunitätskosten einer Abschwächung der Pkw-Flottengrenzwerte modelliert, wie von den Autoherstellern gefordert. In diesem Szenario könnte die europäische Produktion von E-Autos 2030 im Vergleich zu aktuellen Prognosen um die Hälfte einbrechen. In der Folge müsste die EU zusätzlich 50 Milliarden Euro für Ölimporte ausgeben.
Elektrische Autos sind heute der wichtigste Investitionsmotor in der globalen Automobilindustrie. In der EU bestimmen die Flottengrenzwerte das Tempo für den Umstieg auf E-Antriebe. T&E untersucht in seinem Bericht drei Szenarien: 1) die Flottengrenzwerte bleiben bestehen, 2) sie werden nach dem Vorschlag der EU-Kommission, oder 3) nach den Forderungen der Autoindustrie abgeschwächt. Die Analyse zeigt, dass ein Abschwächen der Ziele erhebliche industrielle Kosten nach sich ziehen würde.
Die E-Auto-Produktion in der EU könnte sich demnach bis 2030 auf 3,7 Millionen Einheiten halbieren. Dieses Szenario würde eintreten, wenn die Forderung der Automobilindustrie umgesetzt und die Flottengrenzwerte für 2030 über einen Zeitraum von fünf Jahren gemittelt würden. Sollte die EU dem Vorschlag des europäischen Autoverbands ACEA nachkommen und das Ziel für 2035 abschwächen, dann würde die für 2035 prognostizierte E-Auto-Produktion um 46 Prozent sinken. Behält die EU die bestehenden Flottengrenzwerte bei, dann könnte allein in Deutschland die E-Auto-Produktion von heute 1,2 Millionen Einheiten auf rund 4,5 Millionen Einheiten bis 2035 steigen.
Die EU hat gerade industriepolitische Maßnahmen zur Stärkung ihrer Batterieindustrie vorgeschlagen. Jetzt die Flottengrenzwerte zu senken, würde jedoch gegenteilig wirken und den lokalen Batterie-Absatz reduzieren, so die Studienautoren. Die potenzielle Batterie-Produktionskapazität könnte bis 2030 um mehr als zwei Drittel schrumpfen. Laut der T&E-Analyse entspräche das dem Verlust von 34 potenziellen Fabriken in der Größenordnung von Northvolt und bis zu 47.000 Arbeitsplätzen.
In Deutschland gibt es Pläne, die installierte Leistung für Batterien von derzeit 36 Gigawattstunden (GWh) bis 2030 auf rund 125 GWh zu erhöhen. Die Umsetzung vieler dieser Projekte gilt jedoch als sehr risikoreich. Ob die EU an den Flottengrenzwerten festhält, wird laut T&E darüber mitentscheiden, ob Deutschland seine Position als zentraler Batterie-Standort festigen kann.
„Von China bis Chile sind E-Autos mittlerweile der Wachstumsmotor der globalen Automobilindustrie. Wenn Europa die Produktion von E-Autos innerhalb seiner Grenzen verankert, kann es seine industrielle Basis retten und die Autoindustrie auch in Zukunft halten“, sagt Susanne Goetz, Referentin für E-Mobilität bei T&E Deutschland. „Wenn Bundeskanzler Merz und die Autoindustrie jedoch weiter darauf pochen, für kurzfristige Gewinne die Klimaziele für den Automobilsektor abzuschwächen, dann zieht China noch weiter davon und der EU drohen massive Verluste in der Batterie- und E-Auto-Industrie. Gerade die Ölkrise sollte allen Akteuren geopolitisch die Augen öffnen.“
Durch ein weiteres Aufweichen der Flottengrenzwerte und den resultierenden geringeren Absatz von E-Autos müsste die EU zwischen 2026 und 2035 für zusätzliche Ölimporte 50 Milliarden Euro zahlen. Wenn die bestehenden Vorgaben beibehalten werden, würde die EU bis 2035 mehr als 2 Milliarden Barrel Öl einsparen.


MK meint
Das Problem, dass von Lobbyverbänden und großen Medien hofierte Bereiche kurzsichtig zu Lasten anderer gefördert werden, gibt es immer wieder: Die deutsche Bundespolitik z.B. hat sich schon mal so sehr darauf konzentriert, 18.000 Jobs im Kohlebereich mit Milliardensubventionen zu „retten“, dass man aus Versehen auf der anderen Seite nahezu unbemerkt fast 500.000 Jobs im Solarsektor verloren hat. Hunderte kleiner Unternehmen mit oftmals wenigen hundert Mitarbeitern haben halt auf Grund ihrer jeweils geringen Größe und der fehlenden Rücklagen vergangener Jahrzehnte nicht die Lobbymacht wie ein Großkonzern mit fünfstelliger Mitarbeiterzahl, der 50 Jahre Gewinne angehäuft hat.