Martin Roemheld zieht nach rund 100 Tagen als Chef des Ladegeschäfts der EnBW im Interview mit dem Portal Electrive eine erste Bilanz zur Entwicklung der Elektromobilität. Er stellt fest, dass die Branche durch Faktoren wie die Preisentwicklung an Tankstellen infolge des Irankonflikts wieder an Dynamik gewinnt, was sich in Zulassungszahlen und der Nutzung der Ladeinfrastruktur widerspiegele.
Die Auslastung des flächendeckenden Netzes der EnBW in Deutschland ist laut Roemheld sehr heterogen. Während es an einigen Orten zu Hotspots mit Schlangenbildung komme, gebe es Standorte mit geringer Auslastung, bei denen eine ausreichende Bedarfsentwicklung noch offen sei.
Um neue Kundengruppen zu erreichen, setzt die EnBW auf ein einfaches Kundenerlebnis durch weitgehend gleicher Hardware und drei Tarif-Varianten. Zudem wird an der Stärkung der Marke gearbeitet, um Produktqualität und Abdeckung zu vermitteln. An den Ladeparks werden zudem „situative Events“ angeboten, um den Kunden vor Ort Informationen bereitzustellen. Der Fokus liegt derzeit aber vor allem auf der Erfüllung von Bedürfnissen während der Ladepause, etwa durch die Bereitstellung von Sanitärangeboten oder Retail-Optionen.
Hinsichtlich des Netzausbaus orientiert sich die EnBW nicht mehr ausschließlich an absoluten Zahlen wie dem zunächst 30.000, später nur noch 20.000 Ladepunkte lautenden Ziel. Entscheidend ist Roemheld zufolge die Entwicklung der Ladeleistungen auf Fahrzeugseite, da höhere Leistungen pro Stecker eine geringere Anzahl an Ladepunkten ermöglichen könnten.
Netzanschlüsse „der Punkt, der alles andere überstrahlt“
Das zentrale Hindernis für den weiteren Ausbau sind dem EnBW-E-Mobilitäts-Manager zufolge die Netzanschlüsse. Die Verfügbarkeit der notwendigen Leistung sei oft nicht gegeben, und der erforderliche Netzausbau durch die Vielzahl unterschiedlicher regionaler Netzbetreiber dauere teilweise mehrere Jahre. Roemheld fordert hierfür Standardisierung sowie verlässliche Prozesse und Fristen.
Mit Blick auf die Ladepreise betont Roemheld, dass die Gesamtkosten für E-Fahrzeuge aufgrund niedrigerer Betriebskosten vorteilhaft seien. Die EnBW plane, das aktuelle Preisniveau stabil zu halten und strebe langfristig eine Senkung der Preise an, sofern Auslastung und Kosten sinken.
Für den europäischen Markt außerhalb Europas bietet die EnBW Roaming. Roemheld weist jedoch auf die Fragmentierung des Marktes hin, die Prozesse kompliziert und teuer mache. Eine Marktkonsolidierung könnte hier zur Vereinfachung beitragen.
Die EnBW verfolgt das Ziel, einen Marktanteil von 20 Prozent an der Ladeinfrastruktur zu erreichen. Dabei möchte der Energiekonzern sowohl als E-Mobilitätsanbieter (e-Mobility Provider, EMP) als auch als Ladepunktbetreiber (Charge Point Operator, CPO) agieren. Mit Blick auf die technologische Entwicklung in China und steigende Ladeleistungen sieht Roemheld eine mögliche Reduzierung der Anzahl an Steckern zugunsten höherer Leistung pro Ladepunkt. Das könne die Wirtschaftlichkeit durch höhere Umschlagsgeschwindigkeiten verbessern und langfristig zu niedrigeren Ladepreisen führen.

Matthias meint
EnBW entfernt offenbar still und heimlich die wenigen Typ2-Steckdosen die noch an den günstig gelegenen Ladeparks zu finden waren. Nun muss man abseits der Autobahnen suchen.
Futureman meint
Einfach wie bei BYD an jedem Lader einen Speicher. Das spart Netzausbaukosten und kann gleichzeitig für eine Teilnahme am Strommarkt genutzt werden. Dazu, wie bei Tankstellen (früher) üblich eine schnelle Reaktion auf Börsenpreise. Beim Öl war es irgendwie merkwürdig, dass wenn sich in Rotterdam diese Preise ändern, innerhalb von Minuten die Preise an den Tankstellen ändern. Beim Strom wäre es jedenfalls ehrlich, da er in Echtzeit an den Ladesäulen ankommt. Das würde gleichzeitig zur besseren Ausnutzung von Sonnen- und Windstrom führen.
M. meint
Speicher lohnt sich dann, wenn die Auslastung insgesamt gering ist, so dass in Zeiten ohne Ladekunde der Speicher nachgeladen werden kann.
Bei durchgängig hoher Auslastung ist das daher keine Lösung. Dann muss das Netz aufgebohrt werden.
Dynamische Ladepreise halte ich grundsätzlich für sinnvoll, aber für HPC-Nutzer kaum brauchbar – außer durch Zufall.
Wenn ich z.B. von Frankfurt nach Berlin fahre, weil ich dort um 13:00 Uhr einen Termin habe, habe ich relativ feste Zeiten, zu denen ich an Ladepunkten vorbeikomme. Wenn es gerade passt – super. Wenn nicht, ist egal, was der Strom 3 Stunden später kosten wird, oder vor 7 Stunden gekostet hätte. Ich will ja für einen Termin um 13:00 Uhr nicht um 6:00 Uhr ankommen.
Nachts um drei ist der Strom günstig? Das ist toll für den Heimspeicher, die zeitgesteuerte Spülmaschine am Smartmeter, aber für den HPC? Ich schlafe dann. Wer stellt sich mitten in der Nacht den Wecker, um Windstrom am 10 km entfernten HPC zu nutzen? Da ist dann auch egal, wenn es noch Geld dazu gäbe.
MichaelEV meint
Akkuspeicher als Ausgleich für zu schwachen Netzanschluss sind eine schlechte Lösung, aber für temporäre Leistungspeaks sind sie immer die sinnvollere Lösung. Netzanschluss auf den Durchschnitt ausrichten und kurzzeitige Peaks mit lokalen Speicher bedienen, so muss der Fahrplan auf allen Ebenen sein.
HPCs unterstellt immer Ladesäulen an der Autobahnraststätte, die außer für die Fernstrecke für sonst niemanden von Relevanz sind. Das war schon immer eine ineffiziente Lösung.
HPCs können in Autobahnnähe mit Alltagsnutzen errichtet werden, dann sind auch variable Preise höchst sinnvoll (und planbar gibt es günstige Preise durch PV eher zur Tagesmitte). Wenn auf der Autobahn wenig los ist, kann Alltagsladern ein attraktives Angebot unterbreitet und damit die Auslastung erhöht werden. Ein dynamischer Ladepreis besteht aber nicht nur aus dem dynamischen Strompreis (eher am wenigsten), sondern wird am ehesten durch die Auslastung (und perspektivisch dynamischen Netzentgelt) definiert.
Das ist generell ein Win-Win, in der Nähe von Autobahnen braucht es zu den Peakzeiten (v.a. Ferien) viel mehr Ladeinfrastruktur als im Durchschnitt und die kann ansonsten Alltagsladern zur Verfügung stehen.
eBikerin meint
Sehr gut ausgeführt. Sehe ich ganz genauso.