Elektrische leichte Nutzfahrzeuge könnten laut der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) bis 2030 einen Marktanteil von 43 Prozent der Verkäufe in der EU erreichen und bis 2031 sogar 50 Prozent. Forderungen des europäischen Herstellerverbands ACEA würden jedoch den Hochlauf auf einen Marktanteil von 27 Prozent im Jahr 2030 drosseln.
Nach einer neuen T&E-Studie wurden zuletzt deutlich mehr elektrische, leichte Nutzfahrzeuge (LNF) in Europa verkauft. 2025 stiegen die Verkaufszahlen EU-weit um 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im ersten Quartal 2026 wuchsen die Verkäufe in Deutschland gegenüber dem Vorjahreszeitraum sogar um 83 Prozent.
Als Grund dafür werden die verbesserten Gesamtbetriebskosten (Total Cost of Ownership, TCO) genannt. Dennoch bezeichne der europäische Autoherstellerverband ACEA die CO2-Flottengrenzwerte der EU als unerreichbar und fordere weitere Lockerungen, erklärt T&E. Nach Prognosen der Umweltorganisation dürfte der elektrische LNF-Marktanteil in den kommenden Jahren weiter steigen und bis 2030 auf 43 Prozent sowie bis 2031 auf 50 Prozent anwachsen.
Diese Prognosen stimmen mit dem kürzlich von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen Entwicklungspfad überein. T&E warnt daher vor jedem Versuch, diesen Pfad abzuschwächen – genau das fordere jedoch der europäische Herstellerverband ACEA. Würde dieser Forderung nachgegeben, läge der Marktanteil elektrischer LNF im Jahr 2030 lediglich bei 27 Prozent und würde bis 2035 nur 61 Prozent erreichen.
„Die aktuellen Hitzewellen zeigen, dass wir dringend Verkehrsemissionen senken müssen. Gerade in der Stadt sind E-Lieferwagen dafür unerlässlich“, sagt Susanne Goetz, Senior Referentin bei T&E Deutschland. „Wenn wir jetzt die Elektrifizierungsziele verwässern, obwohl wir auf dem richtigen Weg sind, dann bremsen wir europäische Investitionen aus – mit gravierenden Folgen. Wir verschleppen den Hochlauf und die europäische Produktion leichter Nutzfahrzeuge zu einem Zeitpunkt, zu dem chinesische Hersteller ein ernsthafter Wettbewerber in dieser Fahrzeugklasse werden.“
Aktuell zählt Europa zu den weltweiten Spitzenreitern in der Vans-Produktion (der größten LNF-Fahrzeugklasse). Hier wurden 2025 1,9 Millionen Vans produziert, vor allem in Frankreich und Deutschland, auf die jeweils 26 Prozent und 12 Prozent der Fahrzeuge entfallen.
Laut T&E käme eine Abschwächung der CO2-Flottengrenzwerte einem Geschenk an China gleich. Das Land mache aktuell im Segment der elektrischen Nutzfahrzeuge erhebliche Fortschritte und produzierte 0,8 Millionen Vans im letzten Jahr. Die Volksrepublik könnte einen dauerhaften Vorsprung erlangen, falls europäische Hersteller ihre Investitionen verlangsamen. Anzeichen dafür seien, dass 2025 bereits 49 Prozent der von chinesischen Herstellern produzierten LNF auf speziell für E-Fahrzeuge entwickelten Plattformen basierten. Dadurch könnten sie ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. Bei europäischen Herstellern habe der Anteil lediglich bei 18 Prozent gelegen.
Zudem sollte die EU die Nachfrage nach elektrischen LNF stärken, indem sie die Ambitionen der künftigen Verordnung zur Elektrifizierung von Unternehmensflotten (Clean Corporate Vehicles Regulation) erhöht, so T&E weiter. Diese sieht vor, jedem Mitgliedstaat ein Elektrifizierungsziel für die Flotten großer Unternehmen vorzugeben, damit die Rahmenbedingungen für die Elektrifizierung in den Mitgliedstaaten verbessert werden. Laut T&E sind die vorgeschlagenen Zielwerte jedoch zu niedrig, um große Unternehmen zu echten Treibern der Elektrifizierung von Lieferwagen zu machen. Ambitioniertere Ziele würden die Entwicklung des Gebrauchtwagenmarktes für elektrische LNF beschleunigen und den Automobilherstellern langfristige Planungssicherheit geben.
„Deutschland hätte durch eine Abschwächung der europäischen Ziele viel zu verlieren“, mahnt Goetz von T&E Deutschland. „Unser Land ist der zweitstärkste europäische Produzent elektrischer leichter Nutzfahrzeuge. Die Bundesregierung sollte diesen Zukunftssektor daher unterstützen und jede weitere Abschwächung der CO2-Ziele ablehnen.“

Gernot meint
Ich bin da viel optimistischer. Die meisten dieser Fahrzeuge werden von lokalen Handwerkern und Paketauslieferern betrieben. Die fahren meist 30-200 km am Tag. Solche Reichweiten (auch im Winter) batterieelektrisch zu erreichen, ist technisch überhaupt kein Problem.
Eines der am meisten verkauften Modelle ist der Fiat Ducato, der hierzulande baugleich auch als Citroën Jumper, Iveco SuperJolly, Opel Movano, Peugeot Boxer und Toyota Proace Max vermarktet wird (Global gibt es noch mehr Derivate). Die aktuelle Modellreihe ist von 2006 – irre 20 Jahre alt. Zwar hat Fiat 2021 eine E-Variante nachgeschoben, aber das ist eben nur ein umgebauter und deshalb kompromissbehafteter Verbrenner. 2006 hat man E-Varianten noch nicht mitgedacht.
2027 kommt ein neuer Ducato, der in der E-Variante wesentlich attraktiver sein dürfte. 2028 kommt wahrscheinlich auch ein neuer E-Crafter von VW (=MAN TGE).
Anders als die meisten Privathaushalte beherrschen die meisten Firmen eine TCO-Rechnung und dann wird in den meisten Nutzungsszenarien das Ergebnis sein, dass die E-Varianten niedrigere TCO-Kosten haben. An der Baustelle kann man dann bei Bedarf elektrische Geräte betreiben, in dem man einfach die Hochvolt-Batterie des Fahrzeuges nutzt. Man muss dann nicht mehr überall einen Dieselgenerator hinschleppen oder lärmende und stinkende Verbrenner-Gerätschaften betreiben.